Laufen wie einst Abebe Bikila

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„Sind moderne Laufschuhe schlecht für unsere Gelenke?“

Abebe Bikila, 1932 in Äthiopien geboren, gewann bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom die erste Medaille für Afrika in der Geschichte der Olympischen Spiele. Hier lief er den Marathon in der damaligen Weltrekordzeit von 2:15:16 Std. und legte die Strecke barfuß zurück. Über den Grund, warum er barfuß lief, gibt es viele Spekulationen. Manche behaupten, dass er ohne Schuhe tatsächlich schneller gewesen wäre, andere sagen, er habe zeigen wollen, unter welchen Umständen viele Athleten in Afrika trainieren müssen. Wahrscheinlich aber waren seine Schuhe so abgelaufen, dass er mit ihnen in Rom nicht an den Start gehen konnte und so lief er, wie er es von früher gewohnt war. Vier Jahre später, bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio wiederholte er seinen Sieg und stellte mit 2:12:11 Std. wieder einen Weltrekord auf – diesmal mit Schuhen.

In den ersten Wochen des Jahres 2010 stellte ich fest, dass sich viele Printmedien dem Thema Barfußlauf annahmen. Meist bezogen sie sich auf eine Studie der Harvard University, die im Fachjournal „Nature“ (Bd. 463, S. 531) veröffentlicht wurde. Hier ging der Humanbiologe Daniel Lieberman der Frage nach, warum das Gebein der heutigen Läufer so schadensanfällig ist, im Vergleich zu unseren savannenbewohnenden Urahnen, welche täglich eine Marathondistanz bewältigten, um sich die lebenswichtige Nahrung zu sichern.

Das österreichische Journal „Der Standard“ schrieb im Januar 2010, dass Läufer jeglicher Leistungsgruppen notorisch oft unter Blessuren leiden. Schuld sei die chronische Überlastung der Knochen der Läufer, zitiert das Journal viele Mediziner. Dagegen helfen gute Laufschuhe mit gepolsterten Sohlen und Spezialabsätzen zum Auffangen der Stoßenergie, die beim Auftritt freigesetzt wird. Im Folgenden bezieht sich die Fachzeitschrift auf die von Lieberman erarbeitete Studie. Er kommt zum Ergebnis, dass ausgerechnet die Schuhe an den typischen Laufverletzungen Schuld seien. Schuhtragen, so Lieberman, verführt Menschen dazu, ihre natürliche, vorne auftretende Laufweise aufzugeben. In Schuhen ist der Fersenauftritt einfach und bequem. Füßen und Knochen bekommt das aber nicht unbedingt.

Gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam verglich er Laufstil und Energetik von insgesamt 73 erwachsenen und jugendlichen Läufern aus Kenia und den USA miteinander. Ein Teil der Testpersonen lief gewohnheitsmäßig barfuß, der Rest trug Laufschuhe. Einige Testpersonen hatten sich das Barfußlaufen extra angewöhnt, andere, kenianische Jugendliche, hatten niemals Laufschuhe in ihrem Leben besessen. Die akribische Analyse der Videoaufnahmen, sowie des Belaufens spezieller Messplatten ergab: Wer geübt barfuß läuft, tritt meistens mit dem Vorfuß zuerst auf, und nicht mit der Ferse, so wie es die Schuhläufer allgemein tun. Laut Kräftemessung dürfte der Vorderauftritt auch auf hartem Untergrund eine einfache aber wirkungsvolle Entlastungsstrategie sein. Beim Fersenauftritt ist die schockartige vertikale Stoßkraft etwa dreimal so hoch. Dagegen richtet auch eine dicke Schuhsohle offenbar nicht viel aus.

barfusslauf

Lieberman-Studie Zwei Läufer aus Kenia, die an der Studie teilnahmen: Der Schwerpunkt lag bei Schuhträgern hinten (aus „derStandard.at“)

„Die Welt“, schreibt Anfang Januar 2010 sogar, dass die Belastung für die Gelenke beim Laufen mit Laufschuhen höher wäre, als das Gehen in hochhackigen Schuhen. Die Zeitung beruft sich hierbei auf eine Veröffentlichung im Fachblatt „The Journal of Injury, Function, and Rehabilitation“ (Bd. 1, S. 1058). In diesem Fall hatte eine Gruppe um Geoffrey Keenan von der Universtiy of Virginia einen ähnlichen Test wie Lieberman durchgeführt.

In der Ausgabe 66 vom 20./21.03.2010 nimmt sich die „Süddeutsche Zeitung“ auch nochmal dem Thema an und nutzt das Ergebnis der Studien zu einer Abrechnung mit der Sportschuhindustrie, die immer wieder neue Namen für ihre „High-Tech“-Produkte entwerfen. Zitat: „Seit Jahrzehnten sind die Verletzungen unter Hobby-Läufern konstant hoch. Daran haben viele Jahre Schuhentwicklung nichts verändert, in denen aus unscheinbaren Sportartikeln überdrehte Fuß-Ufos geworden sind. Mit Pronationsstütze, Crash-Pad, Cushion-Mittelsohle, Torsion-System, Gel, Air, Heel-Clutching-System, Biomorphic-Konzept. Es ist Zeit, Fragen zu stellen: Steckt mehr als heiße Luft hinter diesen Marketing-Begriffen? Schonen moderne Joggingschuhe mit dieser Ausstattung die Gelenke und schützen sie Läufer vor Verletzungen? Die Antwort lautet: Nein.“

Bei der Auswertung verschiedener Studien zu der Verletzungshäufigkeit der Läufer kommt der Autor auf kein befriedigendes Ergebnis. Zwischen 19 und 90 Prozent liegt der Anteil der verletzten Jogger, so das „Journal of Sports Medicine“ im Jahr 2007. Immerhin eine Aussage ließ sich exakt treffen: Am häufigsten war das Knie beeinträchtigt.

Weiter steht geschrieben, dass sich 37 bis 56 Prozent der Hobbyläufer wenigstens einmal im Jahr eine Verletzung zuziehen. Diese Leiden sind selten akut, sondern entstehen meist durch chronische Belastungen. „Ein verletzter Jogger ist in der Regel nicht umgeknickt, sondern zu viel gerannt.“

Statt den Laufschuhkäufern zu einer fachlichen Beratung mit Laufanalyse zu überzeugen, zieht der Bericht der „SZ“ dieses Thema leider etwas ins Lächerliche. Immerhin wird im Verlauf noch zu dem Dilemma zwischen Stabilität und Dämpfung eines Laufschuhs Stellung genommen. Beiden Eigenschaften in einem Laufschuh gerecht zu werden stellt die Sportschuhindustrie scheinbar vor eine große Aufgabe. Doch scheinbar gelingt dies immer mehr Herstellern (z. B. Salomon).

Am Ende seines Berichts nimmt der Autor nochmal Bezug auf das Barfußlaufen und die Lieberman-Studie. Er zitiert den Wissenschaftler wie folgt: “ Mir sind keine wissenschaftlich publizierten Daten bekannt, die zeigen, dass Barfußläufer ein geringeres Verletzungsrisiko haben, als Jogger mit Schuhen.“

Über den Fuß in Laufschuhen und den Verletzungen von Joggern wird also weiter spekuliert werden.

Fazit:

Unbestritten ist Barfußlaufen gesund. Sofern man dies auf weichem Boden, im Gras oder am Strand tut. Wie bei jeder anderen Umstellung sollte man nicht ins Volle gehen, sondern die Füße nach und nach daran gewöhnen. Selbst wenn man schon einige Barfußkilometer absolviert hat, ist es meiner Meinung nach fraglich, ob es für uns „Industriestaatler“ gesund ist, einen Marathon ohne Schuhe zu laufen. Mit einer entsprechenden Beratung und Laufbandanalyse im Sportfachgeschäft ist der Läufer mit Sicherheit besser beraten als das nächstbeste Sonderangebot an Laufschuhen zu kaufen oder den Schuh rein nach modischen Aspekten auszuwählen.

Die Lieberman-Studie wurde wie bereits schon erwähnt auf einem Laufband durchgeführt. Wie auch schon das Laufmagazin „Running“ in seiner Ausgabe April 2010 feststellt, dämpft dies mehr als der normale natürliche Untergrund. Auch Steine, Scherben oder sonstige den Füßen gefährlich werdende Gegenstände sucht man hier vergebens… Der Möglichkeit das Barfußlaufen zu simulieren ohne sich die Fußsohle zu ruinieren, haben sich inzwischen schon einige Hersteller angenommen, z. B. die Firma „Nike“ mit ihrer „Free-Serie“.

Was die Häufigkeit der Verletzungen angeht, so ist meine Meinung, kommt dies nicht von den Laufschuhen (sofern dies die Richtigen sind), sondern liegt es daran, dass die Laufszene immer größer wird und der Marathon mittlerweile zum Volkssport wurde. So wird auch Stefan Grau, Biomechaniker an der Uni Tübingen, im o. g. Bericht der „SZ“ zitiert: „Heute laufen ganz andere Leute als früher. Früher waren die meisten Jogger in einem besseren körperlichen Zustand, bevor sie mit dem Laufen angefangen haben.“

Links zum Thema Barfußlauf:

abstract auf „DerStandart.at“
Kommerzielles zum Thema „Barfußlauf“
Barfußlaufen als „Extremsport“

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

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