Feinschliff
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Marathonwoche I
9. Mai 2011
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Im Ziel: Robert Ruff, Lars Siegmund, Carsten Stegner

  • Prag Marathon
  • 08.05.2011
  • 42,195 km, Mini-Marathon, Staffelmarathon
  • Rundkurs, teils auf Kopfsteinpflaster, kurze leichte Anstiege beim überqueren von Brücken, gute Stimmung

Als mir Ende 2010 mitgeteilt wurde, dass ich an der Marathon-WM der Polizei teilnehmen dürfe, freute ich mich riesig. Nur jeweils vier Athleten, männlich/weiblich, kommen in den Genuss, die Bundesrepublik bei diesem Ereignis zu vertreten. Da die Weltmeisterschaft nur alle vier Jahre stattfindet und eine Teilnahme Deutschlands keine Selbstverständlichkeit ist, war es mir eine Ehre zuzusagen, zumal ich im letzten Jahr meine Teilnahme an der Polizei-Europameisterschaft wegen einer Verletzung absagen musste. Meine Euphorie wurde ein wenig gedämpft, als ich erfuhr, dass bereits 14 Tage nach der WM die nationalen Titelwettkämpfe im Marathon in Hamburg anstünden, sowohl in der Polizei-, als auch in der offenen Wertung. Da ich in der Polizeiwertung meinen dritten Platz aus dem Jahr 2009 in Kassel zu verteidigen habe, stand es für mich außer Frage, an diesem Wettkampf ebenfalls teilzunehmen. Nun galt es, einen Schlachtplan zu entwerfen, der mich so erfolgreich wie möglich durch beide Rennen bringen würde.

Verschiedene Möglichkeiten standen zur Debatte. So könnte ich z. B. in Prag auf Bestzeitkurs gehen und im Falle eines frühen Scheiterns, „locker“ auslaufen um es zwei Wochen später erneut zu probieren. Doch diese Taktik verfolgt man bei Meisterschaften nicht und gegenüber der Mannschaft, wäre es auch unverantwortlich. Von der Möglichkeit, in Prag „einfach nur“ so schnell wie möglich zu laufen und zwei Wochen später nochmal die letzten Kräfte zu mobilisieren, rieten mir zahlreiche erfahrene Marathonläufer ab, da eine Zielankunft, zumindest zu einer akzeptablen Zeit, in Hamburg nahezu ausgeschlossen wäre. Ich entschied mich, in Prag einen ordentlichen Marathon – auch in Hinblick auf das Mannschaftergebnis – zu laufen, mich aber nicht völlig zu verausgaben. Das Rennen, so nahm ich es mir vor, würde ich im flotten Trainingstempo im 4er Schnitt beginnen und sukzessive bis zum eigentlichen Wettkampftempo steigern. Eine Zeit von knapp unter 2:45 Std. sollte so zu schaffen sein.

Bereits am Freitag reisten wir nach Prag an, und bezogen, wie alle anderen WM-Teilnehmer, unser Quartier im Hotel Pyramida. Noch am gleichen Tag stand ein Training an, welches jeder individuell gestalten konnte. In einem tollen Freizeitgebiet über den Dächern von Prag, unweit des Hotels, waren bereits viele Nationalteams fleißig am trainieren, jeder auf seine Art. In einem der vielen gemütlichen Restaurants saßen wir schließlich zum ersten Mal gemeinsam in einer gemütlichen Runde und stellten uns einander vor. Die meisten unseres Teams kannten sich nur vom sehen oder hören. Nach einer kleinen Taktikbesprechung und der Einschwörung durch unsere beiden Teamchefs beendeten wir den ersten Tag in Prag.

Die deutsche Polizeiauswahl

Der Samstag stand zur freien Verfügung, nach der Akkreditierung war nun jeder offizieller Weltmeisterschaftsteilnehmer und konnte sich nach eigenem Belieben auf die kommenden 42195 Meter vorbereiten. Nach einem kurzen lockeren Training machte ich mich mit dem zweiten bayrischen Teilnehmer, Robert Ruff, auf den Weg den Startbereich auf dem Altstädter Ring, dem zentralen Marktplatz Prags, zu erkunden. Nach einem gemütlichen Cappuccino inmitten der unzähligen Touristen, fuhren wir mit der Tram zurück in unser Hotel, um unsere Beine durch den heftigen Anstieg nicht allzu sehr zu belasten.

Am Abend fand die offizielle Eröffnungsfeier im Kongresssaal des Hotels statt. Nach einigen Ansprachen ranghoher Beamter und den Vorsitzenden der nationalen und internationalen Sportverbände, zogen schließlich Vertreter der einzelnen Nationen, als „uniformierte Fahnenträger“ in den Saal ein. Ein besonderer „Hingucker“ waren hierbei sicher die militärischen Uniformen Kuweits und des Libanons oder die geschmückte Uniform der einzigen Teilnehmerin aus der Mongolei.

Sonntag, 08.05.11, Prag-Marathon – Polizei-Weltmeisterschaft

Nach dem letztmaligen Füllen der Kohlenhydratspeicher, wurden alle Teilnehmer mit Bussen in den unmittelbaren Startbereich gefahren. Doch nicht nur das war der besondere Vorteil der WM-Teilnehmer, sondern wir durften auch in der Startaufstellung direkt hinter der Elite unseren Platz einnehmen. Bei ca. 10.000 Teilnehmern ein großer Vorteil. Schon am Start merkte man, dass eine besondere Stimmung in der Stadt herrschte. Bei den folgenden 42,2 km sollte sich das bestätigen. An den meisten Streckenabschnitten wurden die Athleten von den Zuschauern begeistert angefeuert und viele Bands sorgten für „den richtigen Takt“.

Start des Pragmarathons

9:00 Uhr – Startschuss

Ein letztes Mal konnte ich die überwiegend dunkelhäutigen Eliteläufer aus unmittelbarer Nähe bewundern. Nach dem Startschuss waren sie mit ihrem unglaublichen Tempo gleich über alle Berge, bzw. „um alle Ecken“.

Mit meinem gewählten Anfangstempo von knapp unter 4 min/km konnte ich den Anblick der Prachtbauten der Prager Altstadt und die bekannte Karlsbrücke, als wir das zweite Mal die Moldau überquerten, genießen. Nach einem Haken durch den östlichen Außenbereich der Altstadt und zwei weiteren Flussüberquerungen kamen wir nach ca. 12 km direkt durch den Start-/Zielbereich und liefen hierbei durch Massen von Zuschauern die phrenetisch anfeuerten. Zugleich kamen auf der gegenüberliegenden Straßenseite viele 100 Mini-Marathonteilnehmer entgegen, die uns Marathonis zusätzlich beklatschten. Ein unbeschreibliches Gefühl! Obwohl ich mein Tempo bisher nicht merklich steigerte, überholte ich nun am laufenden Band Athleten, die, angesteckt von der Stimmung, zu schnell starteten und schon jetzt ihrem Anfangstempo Tribut zollten.

Nach dem ersten Drittel durch die Altstadt. Robert Ruff, Carsten Stegner

Zu diesem Zeitpunkt liefen der Sachse Jens Borrmann und die bayrischen Vertreter Robert Ruff und ich noch gemeinsam mit unseren gut erkennbaren rot-goldenen Nationaltrikots durch die Prager Häuserschluchten. Ständige Anfeuerungsrufe „Deutschland, Deutschland!“ von Touristen, Marathonbegeisterten und auch Betreuern anderer Nationen, ließen einen über die Straße schweben. Deswegen und wegen des „angenehmen Tempos“ durchschritten Robert und ich die Halbmarathonmarke in einem nahezu ausgeruhten Zustand in 1:22:33 Std. Jens Borrmann, der nicht richtig in den Marathon gefunden hat (10 km Bestzeiten unter 30 min!), hat zu diesem Zeitpunkt leider schon den Anschluss verloren. Wir wiederum hatten einen Rückstand auf Lars Siegmund aus Hessen von über 3 Minuten. Auf der Wendestrecke östlich der Moldau kam er uns entgegen und wir konnten zumindest kurz grüßen. Nun forcierte ich ein wenig das Tempo auf knapp unter 3:50 min/km. Trotz des schnelleren Tempos lief ich weiterhin locker mit Robert in meinem Windschatte zum weiteren Wendepunkt bei km 28, westlich des Flusses. Das Läuferfeld hatte sich mittlerweile extrem aufgelockert. Nach einer weiteren Tempoverschärfung bei km 32 verlor nun auch Robert den Anschluss und ich konnte alleine im Gegenwind noch einige Läufer überholen. Meist waren es aber Staffelläufer, die nach ihrem Wechsel auf ihren zu laufenden 4 – 6 km zunächst mächtig Tempo machten, dies aber nicht lange halten konnten und von mir schließlich wieder eingeholt wurden.

Nachdem ich den von Zuschauern etwas spärlich besetzten östlichen Stadtteil passiert hatte, erhöhte ich ein letztes Mal mein Tempo für die nur noch drei verbleibenden Kilometer auf unter 3:40 min/km, nach inzwischen 2:30 Std. Belastung fiel mir dies schwerer als gedacht. Mittlerweile waren die Menschenmassen links und rechts der Strecke wieder da und peitschten mich mit „Deutschland, Deutschland“-Rufen auf die Zielgerade und durch das Ziel auf dem historischen Altstädter Ring. In 2:42:37 Std. beendete ich den Prag-Marathon als 14. Der Polizei-WM-Wertung.

Im Ziel: Robert Ruff, Lars Siegmund, Carsten Stegner

Mit einem ordentlichen Mannschaftsergebnis von 2:39:49 Std (Lars Siegmund) bis 2:44:42 Std (Robert Ruff) kamen wir in der Nationenwertung sogar noch auf Platz 4. Die 14 Minuten Rückstand auf die auf Platz 3 liegenden Tschechen, wären auch bei vollstem Einsatz nicht aufzuholen gewesen. Platz 1 und 2 gingen an die Ukraine und Polen. Sicher profitierten die meisten Mannschaften von den, aus politischen Gründen, Absagen der nordafrikanischen Nationen. Die deutsche Damenmannschaft wurde mit Rike Westermann, Nadine Dechant und Sandra Kusserow grandiose Vizeweltmeister!

Vizeweltmeister! Die deutsche Damenmannschaft, Sandra Kusserwo, Nadine Dechant, Rike Westermann (v. li. n. re.)

Im Anschluss an die Siegerehrung durfte bei Live-Musik kräftig gefeiert werden. Mit den Polizeibeamten der anderen Nationen fand reger Informationsaustausch statt und Freundschaften wurden gegründet.

Ein wirklich tolles Erlebnis, von dem ich hoffe, dass es sich für mich auch wiederholt!

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

2 Comments

  1. joe hengl sagt:

    Bin stolz auf Dich, Deine Ergebnisse u. alles passt ja wieder zur Zeit. Ich hoffe, dass Du noch lange gesund und Spaß beim Laufen hast.

  2. […] brachte ich es nur auf 390. Immerhin bekam ich die Schmerzen soweit in Griff, dass der Teilnahme am Prag-Marathon nichts im Wege stand. Der Marathon sollte meine Generalprobe für den zwei Wochen später […]

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