2. Platz beim Rennsteiglauf

GARMIN Forerunner 910XT
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„Entschuldigung, ich treibe Sport“
20. Mai 2012
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Foto: (c) Norbert Wilhelmi

  • Jubiläumsveranstaltung: 40. GutsMuths-Rennsteiglauf am 12.05.2012
  • 21,1 km, 43,5 km, 72,7 km + Schülerläufe und Nordic Walking, Wanderungen
  • Hügelige Strecke über die Höhen des Thüringer Waldes, entlang des Rennsteigs
  • Gemeinsamer Zielort: Schmiedefeld
  • fast 17.000 Teilnehmer

Vorm "Nugget"Der GutsMuths-Rennsteiglauf ist der „größte Crosslauf“ Europas. Er führt über den Höhenweg des Thüringer Waldes, dem Rennsteig, von Neuhaus (Marathon), bzw. Eisenach (Supermarathon) nach Schmiedefeld. Hier, am gemeinsamen Zielort, enden auch der Halbmarathon mit Start in Oberhof, der Juniorcross und die Nordic-Walking-/Wanderstrecken.  Jedes Jahr nehmen ca. 15.000 Läufer, Nordic Walker und Wanderer daran teil. Bei der Jubiläumsveranstaltung im Jahr 2012 waren es fast 17.000 Teilnehmer, die ihre erfolgreiche Teilnahme in dem kleinen Städtchen unterhalb des Rennsteigs feiern durften.

Der Rennsteig ist ein 170 km langer Wanderweg. Er beginnt in Hörschel (Stadtteil von Eisenach), durchquert Thüringen auf den Höhen des Thüringer Walds in südöstliche Richtung und endet nachdem er zuvor die bayerische Grenze im Frankenwald überschritten hat, wieder in Thüringen, in Blankenstein.

Für Ostdeutschland hat die Veranstaltung Kultstatus: Der seit den 70er Jahren stattfindende Lauf war die größte Breitensportveranstaltung der DDR, an der erfolgreich teilgenommen zu haben, große Anerkennung in Sportlerkreisen verschaffte. Aber auch heute ist es ein Markenzeichen, GutsMuths-Läufer zu sein.

Ich startete nach 2006, 2007 und 2008, bereits zum vierten Mal, beim Supermarathon, der Königsstrecke, über 72,7 km. Fast 1.900 Höhenmeter sind insgesamt zu bewältigen. Nach dem Start auf dem Marktplatz in Eisenach führt die Strecke hoch zum Stadtpark und erreicht nach 7,4 km die Einmündung auf den Rennsteig. Die ersten 25 km ziehen sich stetig in die Höhe, am großen Inselsberg erreichen dann die Ultraläufer mit 917 m die zweithöchste Erhebung der Strecke. Nach einem sehr steilen Abstieg finden sich die Teilnehmer 200 Meter tiefer und dürfen nun bis zur Vollendung der eigentlichen Marathondistanz einen gut zu laufenden „hügeligen Parcour“ über Schotter- und Waldwege und sogar leichte Trails bewältigen. Erst dann erfolgt ein nächster Anstieg, bei dem es heißt seine Kräfte richtig einzuteilen, zu den Neuhöfer Wiesen. Hier erwartet uns eine von insgesamt sechs Verpflegungsstationen die üppig ausgestattet ist und für die etwas gemütlicher laufenden Teilnehmer sogar Schmalzbrot, Wurst und andere Thüringer Spezialitäten anbietet. Obligatorisch ist der Haferschleim, den es in verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt. Hier wollte ich in diesem Jahr bei meiner ersten „ambitionierten Teilnahme“ jedoch keine Experimente eingehen und bediente mich in erster Linie mit Wasser, Tee und Isodrinks, welche es natürlich auch an den zusätzlichen neun Getränkestationen gab.

Weiter geht es in Richtung Oberhof, wo am „Grenzadler“ bei km 54 ein weiteres Mal die Zeitmessung überschritten wird. Hier besteht die Möglichkeit des frühzeitigen Ausscheidens aus dem Rennen, inklusive „kleiner Ergebnisliste“. Die „DNF´s“ haben hier die Möglichkeit in einem Zelt die Zeit zu überbrücken, bis der nächste Shuttlebus in den Zielort fährt. Nach einem weiteren erwähnenswerten An- und Abstieg muss nun auf den Kilometern 57 bis 61 der höchste Punkt (972 m) der Strecke, die Plänckners Aussicht am großen Beerberg, in Angriff genommen werden. Von nun an geht es zwar tendenziell bergab, dennoch müssen ein paar, den Rhythmus störende Anstiege, bezwungen werden. Immerhin ist man nun nicht mehr einsam, da man auf die Wanderer trifft, die in Oberhof gestartet sind. Teils in Schlangenlinie aber dafür durch Anfeuerungsrufe motiviert, geht es dem Ziel entgegen. Der Zieleinlauf am Sportplatz ist ein einmaliges Erlebnis. Tausende von Zuschauer säumen die Zielkanäle der unterschiedlichen Veranstaltungen und sorgen für eine Stimmung die Ihresgleichen sucht.

Das Rennen:

Noch in der Vorwoche wusste ich nicht wie ich die „Rennsteig-Tortur“ überstehen sollte. Einige Früh-/Nachtdienstkombinationen und ein gesundheitliches Problem zwangen mich in die Knie. „Das gibt´s doch nicht, steht der Rennsteiglauf für mich auf der Kippe?“ Absolute Ruhe und viel Schlaf halfen mir wieder in die Spur.

Wie geplant stehe ich am Samstag früh für das „Trail Magazin“ startend, gemeinsam mit 2.600 weiteren Startern, um 6 Uhr am Start in Eisenach. Viele bekannte Gesichter und große Namen der Ultramarathon- und Trailszene wie Christian Stork und Dr. Thomas Miksch, die sich jeweils schon vier Mal als Sieger über die Supermarathonstrecke feiern lassen durften oder der Österreicher Thomas Bosnjak stehen neben mir.

Trotz großem Respekt vor diesen Läufern, traue ich mich, von Anfang an in der Spitzengruppe mitzulaufen. Nach dem ersten Anstieg und einigen wenigen Kilometern kristallisiert sich heraus, dass eine Gruppe aus acht Läufern das Rennen, zumindest in der Anfangsphase, bestimmt. In Hinblick auf Länge, Profil und Terrain der Strecke kann sich da natürlich noch viel ändern. Bei Kilometer 12 darf ich sogar meine ersten Führungsmeter beim Rennsteiglauf feiern. Natürlich ist dies bei km 12 von 73 keine besondere Leistung – aber es ist DER RENNSTEIGLAUF! Es ist irgendwie ein „unheimliches Gefühl“.

Natürlich habe ich mir im Vorfeld einen „Marschplan“ zurechtgelegt, bei welchem ich als Minimalziel nach 5:45 Std. die Ziellinie überqueren sollte. Mein eigentliches Ziel, eine 5:40 entspricht einer Pace von 4:39 min/km. Als Sicherheit zog ich nochmal eine Sekunde ab und fixierte die 4:38 min/km in meiner Garmin Forerunner. So sollte ich immer einen Überblick haben, ob ich mich im Plan bewege. Doch ich sah mir selbstverständlich auch die Ergebnisse der Vorjahre an. Sieger-, bzw. Zielzeiten und Zwischenzeiten. 5:29 Std benötigte der Vorjahressiger, unter 5:24 schaffte es Christian Stork zuvor ins Ziel (4:26 min/km) und mit einer Pace von unglaublichen 4:20 min/km war dieser 2008 unterwegs, als er mit 5:16:29 Std den Streckenrekord nur knapp verfehlte. Also allesamt Tempi, die für mich keine Bedeutung spielen sollten.

Doch auf einmal bin ich in dieser Gruppe, die genau diese Pace einschlägt. Um diese Durschnittgeschwindigkeit auf der der schwierigen Strecke erreichen zu können, ist auf flachen Passagen eine Pace von teils unter 4 min/km nötig. Darum machte ich mir vorher keine Gedanken, wird mir aber immer dann bewusst, wenn mir meine 910XT die Vollendung des nächsten Kilometers signalisiert. Ich habe keine Ahnung wie lange ich dies durchhalte, zumal wir uns derzeit am langen Anstieg zum Großen Inselsberg befinden. Wir nähern uns der Zwischenzeitmessung bei km 18. Die Live-Twitter-Meldung lautet:

TwittermeldungUnglaublich! Es folgt der steile Anstieg zum Inselsberg. Unsere Gruppe zieht sich etwas auseinander. Christian Seiler und der Franzose Cetric Schramm setzen sich etwas ab. Auch Christian Stork kann ihnen nicht folgen. Ich bleibe gemeinsam mit Anton (Dodo) Philipp noch ein Stück dahinter. Anschließend folgt der steile lange Abstieg. Stork schließt wieder auf und setzt sich an die Spitze, ich muss Federn lassen; das Bergablaufen ist nicht mein Metier. Auf den folgenden Kilometern finden wir alle wieder zusammen. Es zeigt sich langsam wer „was drauf hat“ und wer nicht. Der Österreicher Bosnjak, als Favorit angereist, klagt über schwere Beine. Vor zwei Wochen hat er noch einen Ultra auf Mallorca bestritten. Sein ungleichmäßiges Tempo am heutigen Tag tat wohl sein übriges. Zwischenzeitlich muss auch ich eine kleine Tiefphase überwinden. Langsamer machen kommt nicht in Frage. Regelmäßige Nahrungsaufnahme in Form von mitgeführten Gels ist das A und O. Dies habe ich in der vergangenen Zeit viel zu oft vernachlässigt. Heute achte ich ganz speziell darauf. Der Thüringer Seiler, mit Straßenwettkampfschuhen laufend und bei der ziemlich niedrigen Temperatur auch nur mit Shorts und Trikot bekleidet, sieht am frischesten aus. Mit seiner Marathonbestzeit von 2:18 Std läuft der Rennsteig-Seriengewinner über HM und Marathon aber auch in einer anderen Liga.

Zur Hälfte des Rennens ist nochmal ein großer Moment für mich, als im Netz folgende Twittermeldung verbreitet wird:

Twittermeldung

Während die meisten unserer Gruppe, die sich inzwischen leicht auseinander gezogen hat, sich etwas Zeit bei der Verpflegung nehmen, schlägt Seiler ein neues Tempo ein und enteilt uns. Gemeinsam mit Christian Stork mache ich mich an die (erfolglose) Verfolgung. Ich fühle mich schon nicht mehr frisch und das Tempo, welches Christian in der Ebene anschlägt, ist für mich nur schwer zu halten. Sobald es bergab geht, habe ich keine Chance zu flogen. Überraschender Weise kann ich den kleinen Abstand, den sich Christian immer wieder herausläuft, an Anstiegen verkürzen. Doch bis nach der Zwischenzeitmessung in Oberhof kann ich nicht richtig zu ihm aufschließen.

TwittermeldungOberhof ist eine Schlüsselstelle. Mein Kopf sagt, „he, du bist fertig, es ist noch weit, das packst du nicht!“ Meine Beine geben meinem Kopf auch noch Recht. Aussteigen? Auf Platz drei liegend? Beim Rennsteiglauf? Nur weil es weh tut? Ja spinnst du??? WEITER! Es folgt ein Anstieg ich hole etwas auf, es geht wieder runter, Christian zieht davon. Schließlich der 3 km lange Anstieg zum Großen Beerberg. Ich hole auf, überhole Christian. Das Beste ist, gemeinsame Sache zu machen. Das ist aber zu diesem Zeitpunkt des Rennens ziemlich schwierig, wenn noch nicht mal der eigene Kopf auf dich hören will. Mir ist klar, dass Christian nach dem langen Abstieg nach Schmiedefeld die besseren Karten haben wird, aber zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ich tatsächlich eine Podestplatzierung erreichen kann. Wir haben keine Ahnung wie groß unser Vorsprung auf den Vierten sein könnte. Wir müssen einfach nur laufen. Laufen, als wäre der Teufel hinter uns her. Meine Garmin sagt mir dass ich über 10 Minuten unter meiner Zeit bin. Kurs auf sub 5:30! Das gibt es doch gar nicht!

Bei jedem Schritt muss ich aufpassen, wie ich auftrete. Wie ein Blitz fährt der Krampf in meine Wade. Ich habe eigentlich genügend getrunken, zwar habe ich nicht alles Gels genommen wie geplant und auch nur zwei Salztabletten, aber nun, 10 km vor dem Ziel habe ich kaum noch eine Chance eine eventuelle Unterversorgung wieder auszugleichen.

Es wird zur Kopfsache, sofern man das so sagen kann, wenn eigentlich alles im Körper schmerzt. Im flachen kann ich noch eine Pace von ca. 4:10 gehen. Es folgt noch ein heftiger Anstieg, das weiß ich von meinen letzten Teilnahmen. Hier musste ich bisher immer gehen. Heute komme ich im Laufschritt hoch. Ich drehe mich nach Christian um. Doch er ist weg. Ok, ich muss das Tempo beibehalten, bzw. wieder erhöhen, wenn es flach wird.

Km 69 in 5:30 am Berg, km 70 in 4:14 min. Noch 3 km! Der nächte Kilometer dauert nur 3:50, es geht bergab. Die Waden verkrampfen. „Nein, jetzt nicht!“ Die Wanderer, die ich überhole, feuern mich an, das betäubt den Schmerz. Der 73. Kilometer ist fast vollendet, wo ist das Ziel. Nach der nächsten Kuppe taucht es auf. Der Zielkanal. Menschen über Menschen! Die Zuschauer jubeln den Halbmarathonis, die immer noch unterwegs sind und den Wanderern zu. Und dem gerade einlaufenden Zweiten des Supermarathons – mir! Tatsächlich, ich schaffe es!

Meine Ziele mehr als nur eingehalten! Treppchen! Sub 5:30! Geht´s noch?

Ja ein bisschen geht´s noch, doch schon nach wenigen Minuten, wenn man kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen kann, fragt man sich wie man bis vor kurzem noch so laufen konnte.

Christian rettet eine gute Minute nach mir noch den dritten Platz knapp vor dem Franzosen Benoit Charles-Mangeon. Der Sieger Christian Seiler, der sich in einer Fabelzeit von 5:10:20 Std den Streckenrekord sicherte, ist längst verschwunden.

Foto: b-fritz.de, Christian Stork, Benoit Charles, Carsten Stegner

Meine 16 Minuten Rückstand auf ihn sind eine „Menge Holz“, doch im Vergleich zu unseren Marathonbestzeiten habe ich mich verdammt gut geschlagen.

Nach dem Obermainmarathon und dem Rennsteiglauf, scheint es, als hätte ich eine phantastische Saison vor mir. Doch jetzt gilt es unbedingt die Regeneration einzuhalten!

Ein ganz besonderer Dank gilt Denis Wischniewski vom Trail-Magazin. Er ermöglichte mir die Teilnahme am Rennsteiglauf und sorgte für die reibungslose Logistik, so dass ich mich voll auf den Lauf konzentrieren konnte. Neben vielen weiteren hochinteressanten Themen wird auch ein Bericht des Rennsteiglaufs im nächsten Trail-Magazin zu lesen sein.

Foto: (c) Norbert Wilhelmi

 

 

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

6 Comments

  1. Günter sagt:

    hallo Carsten,

    das ist ja echt genial, was du z.Zt. hinlegst!!
    GLÜCKWUNSCH!!

    Günter

  2. John sagt:

    Hallo Carsten,
    fetter Glückwunsch – Du bist ja super gelaufen und hast das Optimum rausgeholt :-)) – und ganz beachtlich, eine Stunde schneller als bei Deiner Premiere 2006!
    Also ich stehe zu meinem Versprechen, Dir einen auszugeben bei sub6. Du warst nochmal klar besser als ich 1992. (Ich war allerdings nicht so fertig am Ende). Erhole Dich gut und genieße diesen Erfolg!
    John

  3. Tina Fischl sagt:

    Hallo Carsten, ein toller Bericht, sehr bewundernswert!!!!!! Respekt vor deiner Leistung, mach weiter so 🙂
    LG Tina

  4. Kurt Rößler sagt:

    Hallo Carsten,
    herzlichen Dank für Deinen mitreißenden Bericht und faire BE. Großes Kompliment für Deine ausgezeichnete Homepage, mit viel Liebe zum Detail. Weiter so – und viele liebe Grüße von Benoit CM.

    Mit sportfreundlichem Gruß

    Kurt

  5. Carsten sagt:

    Hallo Kurt,
    danke für die Komplimente! Vielleicht sieht man sich ja demnächst bei einem Wettkampf wieder…
    Viele Grüße,
    Carsten

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