4 Trails

Die Schuhe sind von Staub und Matsch befreit, welcher sich auf über 150 km feinsten Trails artgerecht auf dem „Arbeitsgerät“ verteilt hat. Die Beine haben inzwischen wieder Tempo aufgenommen, welches die fast 10.000 Höhenmeter auf den vier Etappen zuvor nicht zugelassen haben. Was bleibt ist die Erinnerung an diesen Läufertraum, der sich in der vergangenen Woche zwischen Garmisch-Partenkirchen und Samnaun abspielte. Oft werde ich gefragt, ob ich schon den sogenannten „Runners-High“ verspürt habe, bzw. wie sich dieser anfühlt. In Zukunft werde ich sagen: „Erlebe ihn selbst, bei den 4-Trails!“

Wie im Vorjahr hatte ich die Möglichkeit die vier Etappen als Vorläufer, bereits vor dem Tross von diesmal über 350 Teilnehmern, zu erleben. Obwohl ich die Verfolger im Nacken hatte und die Aufgabe, die Markierung der Strecke zu optimieren, bzw. auszubessern, blieb mir glücklicher Weise genügend Zeit, die Einzigartigkeit der Alpen zu genießen. Ein Privileg, welches die höchst ambitionierten Wettkämpfer leider nicht haben. Vor allem die beiden Franzosen Thomas Lorblanchet und Francois D´Haene, der Spanier Jose Francisco Gutierrez sowie das deutsche Talent Philipp Reiter, rasen in einer atemberaubenden Geschwindigkeit über die Alpen. Insbesondere die Downhills werden in einer Art und Weise bewältigt, die mir als „Flachlandtiroler“ einem Harakiri gleichkommen. Einige der angereisten Spezialisten und natürlich die „Allgäuer Trailfraktion“ stehen den Vieren in nichts nach.

 1. Etappe Garmisch – Ehrwald / 36,3 km / 2.410 m ↑ / 2.113 m ↓

Das schönste an der ersten Etappe ist, dass selbst ich als Vorläufer mich ausschlafen kann. Kurz nach 8 Uhr mache ich mich auf den Weg vom Start beim Kongresszentrum zum Hausberg und hoch in den Drehmöserwald. Einen guten halben Kilometer – vertikal betrachtet – habe ich zu diesem Zeitpunkt bewältigt. Bis zur ersten Verpflegungsstation nach knapp 10 km geht es nun bergab. Ich habe Glück, denn sie wird gerade errichtet. Es ist gerade mal kurz nach 9 Uhr und schon brutal warm. Ich kann meinen Wasservorrat auffüllen und mache mich gleich weiter auf dem Weg zur Längenfelder Talstation – „Talstation“ ist in diesem Fall nicht falsch zu verstehen – über 600 Höhenmeter stehen nun an. Die Strecke ist mir bestens bekannt, denn erst vor gut einer Woche lief ich im Rahmen des Zugspitz-Ultratrails hier hoch. Am Berg staut sich die Hitze und ich schwitze mehr als ich trinken kann – zumal ich ohnehin nur eine Flasche dabei habe. Wie sehr werden die Wettkämpfer dann schwitzen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gestartet sind? Durchgehend im Laufschritt erklimme ich den höchsten Punkt der ersten Etappe. Da ich nur wenig Nachmarkierungsarbeit leisten musste bin ich sehr gut im Zeitplan und kann mir viel Zeit auf dem technisch relativ schwierigen Abstieg nach Hammersbach nehmen. Als ich in der Mitte des Downhills bin, bei km 15, fällt in Garmisch der Startschuss zu den zweiten 4-Trails. Als Wanderer beende ich diesen Downhill, als Trailrunner nehme ich den nächsten Anstieg in Richtung Neuneralm, bzw. Eibsee, in Angriff. Nur ein kurzer Abstieg und ich bin schon bei der zweiten Verpflegungsstation oberhalb des Eibsees. Ich nehme reichlich Getränke auf und weiter geht es im Laufschritt den vierten Anstieg dieser Etappe hoch zur deutsch-österreichischen Grenze zwischen „Riffelriß“ und „Hohes Egg“. Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich in der „Kür“, denn Christoph, der zweite Vorläufer, hat diesen Streckenabschnitt bereits vor mir belaufen. Ich kann also nun Gas geben, halte mich aber an meinen Grundsatz, die Downhills äußerst vorsichtig „abzusteigen“.

Es folgen genau so ein Abstieg und noch zwei weitere giftige Anstiege auf Skipisten bevor es hinunter nach Ehrwald in den Zielort der ersten Etappe geht. Dort angekommen muss ich dringendst meinen Wasserhaushalt auffüllen, bin aber schon ganz gut erholt als der Tagesschnellste, Francois D´Haene, nach nur 3:53 Std. hier eintrifft. Der Gesamt Siebte und Fünfte der Men-Kategorie, Max Frei, kommt gerade mal 16 Minuten später ins Ziel. Das hört sich, im Vergleich zum Straßenlauf, nach einer Menge Zeit an, verspricht aber für die weiteren Etappen sehr spannend zu werden.

Die erste Etappe ist geschafft

2. Etappe Ehrwald – Imst  / 39,5 km / 2.288 m ↑ / 2.505 m ↓

Das Profil verspricht eine leichtere Etappe als am Vortag, zumal auf dem ersten Teilabschnitt die Alternativroute gelaufen wird. Statt zur Grünsteinscharte auf 2.272 Meter, geht es über das Marienbergjoch (1.789 m) hinunter ins Tal. Von dort auf der Originalroute „nur“ zwei bedeutende Anstiege hoch zum Haiminger Kreuz. Es soll nicht ganz so warm wie am Vortag werden, dennoch besteht die Gefahr von Gewittern. In einem solchen Fall würde ab der Haiminger Alm über eine weitere Alternativroute ins Tal gelaufen werden, da es nicht zu verantworten wäre, die Teilnehmer über den Bergrücken zum höchsten Punkt auf 2.203 Meter laufen zu lassen. Beide Strecken wurden bereits markiert und das Streckenteam unter Aufsicht des Streckenchefs Christoph Schellhammer ist für alle Fälle vorbereitet. Petrus hat ein Einsehen und schenkt uns auch heute einen traumhaft schönen Tag. Es wäre auch zu Schade, auf einen der schönsten Streckenabschnitte der 4-Trails zu verzichten. Im letzten Drittel der Etappe, ab der Haiminger Alm geht es über den Bergrücken in Richtung Tschirgant. Auf der linken Seite fällt der Blick ins Inntal und rechts ins Gurgltal. Der letzte Anstieg zum Haiminger Kreuz hat es nochmal richtig „in sich“, doch dafür wird man mit einem grandiosen Ausblick belohnt – zumindest derjenige, der Zeit hat. Für die ersten Wettkämpfer trifft dies nicht zu. Francois D´Haene ist wieder der Erste, der den Gipfel erreicht, ca. 3 Minuten dahinter Philipp Reiter und Thomas Lorblanchet. Ich erwarte die Führenden am Gipfel und beobachte beeindruckt wie schnell sie diesen stürmen und vor allem auch wie spielerisch sie den sehr anspruchsvollen Abstieg bewältigen. Kurz darauf mache ich mich auch auf dem Weg ins Tal.

Philipp und Francois beim Gipfelsturm
Christian Stork im Abstieg

Auf dem steilen Weg nach unten erfuhr ich, dass Francois das Rennen nicht mehr anführe und dieser auch hinter Philipp und Thomas nicht gesehen wurde. Diese Nachricht gab ich unverzüglich an den Streckenchef Christoph weiter, der inzwischen am Gipfelkreuz Position genommen hat. Innerhalb kürzester Zeit läuft die Hilfsmaschinerie an, Rescue-Team, Bergwacht und Streckenteam machen sich sofort auf die Suche nach dem Vermissten. Kurz bevor die Suche mittels Hubschrauber startet, taucht Francois wieder auf. Was für ein Glück. Aufatmen. Er hat nach dem Haiminger Kreuz den Abstieg verpasst und den Gipfel des Tschirgant erklommen. Belohnt wurde er für die zusätzlichen Höhenmeter nicht, er bleibt jedoch in der Wertung. Sein Leadertrikot ist er allerdings los, dieses trägt auf der nächsten Etappe der jüngste Teilnehmer: Philipp Reiter!

3. Etappe Imst – Landeck / 31,5 km / 1.834 m ↑ / 1.794 m ↓

Petrus hatte bisher ein Herz für die Trailrunner der 4-Trails und verschonte uns mit Gewittern (auch wenn er die Heizung durchaus etwas zurückdrehen hätte können). Für den heutigen Tag äußerten er, respektive die Wetterstationen des Alpenraums, sich nicht eindeutig. Die Gewitterwahrscheinlichkeit ist jedoch sehr hoch und so entschied die Organisation schon am Vortag, die Alternativroute zu laufen. Wie bei der zweiten Etappe würde ein langer Aufstieg am Grat auf die Teilnehmer warten. Diese bei einsetzendem Gewitter sofort aus dem potentiellen Gefährdungsbereich zu bringen wäre jedoch nicht möglich, so verließen wir nach der Venetalm die Originalroute und liefen bis zu 500 Höhenmeter unter dem Grat wunderschöne Trails, vorbei an Galflunhütte über den Venet-Rundwanderweg, hoch zum E5 zur Originalroute. Durch das viele Auf und Ab mussten wir nur auf wenige Höhenmeter verzichten. Ein traumhafter Weg brachte die Teilnehmer schließlich über die 3. Verpflegungsstation ins Tal nach Landeck.

Der Spanier Jose Francisco Gutierrez, der bei der ersten Etappe noch als Zweiter das Ziel erreichte verlor nach und nach ein wenig an Boden und kam an diesem Tag sechs Minuten nach dem französisch-deutschem Trio ins Ziel. In der Masterklasse dagegen, machte Christian Stork weiterhin an Boden gut, nachdem er an Tag Eins erhebliche Probleme hatte, konnte er die heutige Etappe gewinnen und hatte nun nur noch zwei Minuten Rückstand auf Platz drei, welchen Anton Philipp inne hatte. Sein Rückstand auf die ersten beiden Plätze, die von Spaniern besetzt wurden, betrug allerdings elf bzw. 21 Minuten. Die Seniormasterklasse wurde eindeutig von Dr. Thomas Miksch regiert und bei den Damen hatte Regine Schlump nach drei Siegen einen ordentlichen Vorsprung herausgelaufen. Bei den Master-Women musste die Favoritin, Gaby Steigmeier, leider bereits das Rennen aus gesundheitlichen Problemen aufgeben; hier führte Sonja Irendorfer mit 36 Minuten Vorsprung.

Philipp und Thomas in Landeck

Die abschließende Königsetappe versprach ein spannendes Rennen zu werden.

4. Etappe Landeck – Samnaun / 44,5 km / 2.844 m ↑ / 1.820 m ↓

Das Wetter soll ein perfektes zum Laufen sein. Es ist nicht so heiß wie auf den ersten beiden Etappen, es soll auch nicht gewittern; es ist allerdings auf den Höhen recht windig und Nebel verhindert oft die Sicht auf ein atemberaubendes Panorama.

Das Profil der langen, schweren Etappe ist schnell erklärt: Es geht in einem Zug hoch auf 2.432 m zum Fisser Joch, es folgt der Abstieg zur Köllner Hütte. Nur ganz kurz unterschreiten wir knapp die 2.000-m-Marke. Treppenförmig und teils brutal steil geht es oft weglos über das Arezzjoch und schließlich technisch anspruchsvoll über Geröll-, Fels- und Schneefelder zur Ochsenscharte auf fast 2.800 m.

Philipp und Thomas kurz vor der Ochsenscharte

Insgesamt bewegen wir uns auf 23 km über 2.000 Meter. Nach einem langen Abstieg überqueren wir die Österreichisch-Schweizer Grenze. Die nächsten acht Kilometer führen auf der leicht ansteigenden Forststraße (mit einigen Rampen) ins Ziel der 4-Trails in Samnaun.

„Als Erster“ am Fisser Joch

Thomas und Francois wollen es schon gleich zu Beginn wissen, wir mir Philipp später berichtet und schlagen sofort nach dem Start um sieben Uhr ein hohes Tempo an. Philipp lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken und geht mit. Im letzten Abstieg donnern die drei an mir vorbei. Ich weiß kaum, wie man auf dieser buckeligen steilen Wiese laufen kann und diese Typen fliegen sie regelrecht hinunter. Unglaublich! Sie haben zwar einen großen Vorsprung, doch schon als Dritter folgt Christian Stork, wenige Minuten hinter ihm kommt Anton Philipp – die Beiden laufen ein megastarkes Rennen. Soll sich in der Masterklasse das Klassement völlig neu ordnen? Gemütlich laufe ich hinunter zur dritten Verpflegung, acht Kilometer vor dem Ziel. Als Dr. Thomas Miksch und Max Frei hier auftauchen, entschließe ich mich, ihnen auf den „üblen“ letzten Kilometern Gesellschaft zu leisten und begleite sie ins Ziel. Der inzwischen 50jährige Arzt aus Kempten läuft ein richtig hohes Tempo nach den Strapazen der letzten vier Tage und trotz seines enorm großen Vorsprungs lässt er nicht locker. Max, der noch ein paar Körner übrig hat, nimmt etwas Tempo raus und läuft mit dem Seniormasters-Sieger gemeinsam über die Ziellinie.

Christian holt sich den Gesamtsieg in der Mastersklasse

Einige Minuten vorher holte sich Christian den Gesamtsieg in der Mastersklasse vor Dodo. Die Spanier mussten auf der letzten Etappe Tribut zollen und folgten in der Endabrechnung auf Platz drei und vier. Was für ein grandioser „Endspurt“ des Allgäuers. Regine Schlump machte es auf der letzten Etappe auch nochmal richtig spannend und konnte als dritte Dame im Einlauf hinter den beiden Britinnen Bonsor und Threadgall noch mit drei Minuten Vorsprung den Gesamtsieg der Damenwertung sichern. In der Master-Women-Kategorie machte die Österreicherin Sonja Irendorfer alles klar.

Der große Sieger der 4-Trail ist der 20jährige Philipp Reiter. Gemeinsam mit Thomas Lorblanchet läuft er 1:30 Minuten hinter Francois D´Haene in 4:52:29 Std (!) in Samnaun ein. Eine unglaubliche Leistung!

Doch dies können alle von sich behaupten, die an diesem Tag nach 152 km und 9.376 Höhenmeter in Samnaun angekommen sind. Herzlichen Glückwunsch! Die ältesten Teilnehmer und Finisher (!) waren übrigens Hagen Brumlich mit 68 und Monika Dewald mit 69 Jahren. Stark!

Weitere Bilder hier

Eine kurze Videozusammenfassung

6 comments on “4 Trails

  1. Sehr gute Zusammenfassung eines genialen Laufevents! Macht Lust darauf, diese Herausforderung im nächsten Jahr selbst anzunehmen und diese einzigartige Erfahrung zu machen!

  2. Klasse Bericht – spricht mir aus der Seele. War ein klasse Event und wir durften traumhafte Tage in den Alpen verbringen. Vielen Dank fürs Vorlaufen und super (teilweise sehr nett aufmunternde :-) ) Strecken-Markierung…

  3. War zum ersten mal dabei und bin immer noch ganz hin und weg :-) Danke fürs markieren, ohne euch hätte ich mich sicher hoffnungslos verlaufen und wäre immer noch unterwegs…

  4. Hat Spaß gemacht, dies zu lesen :-) ! Fast fühle ich mich, als sei ich dabei gewesen. Behalte Dir auch diese Freude an der Doku. LG

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