Coast2Coast Fuerteventura – Unerwartet zum Erfolg

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Carsten Stegner
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Gesamt Zweiter Carsten Stegner

Was macht man, wenn ein Wettkampf, den man ohnehin schon ins Visier genommen hat, genau dann stattfindet, wenn man vor Ort im Urlaub ist? Klar, die Teilnahme ist natürlich obligatorisch! In meinem Fall war das jedoch gar nicht so einfach. Gerademal acht Wochen Training hatte ich hinter mir, nachdem selbiges vorher vier Monate nahezu ruhte. Es gibt keine Zufälle, deshalb musste ich nicht lange überlegen um mich zum Trailmarathon des Coast2Coast Fuerteventura anzumelden. Die 90-km-Variante hätte mir zwar auch sehr gut gefallen, doch das wäre mit meiner Vorbereitung eine Harakiri-Aktion geworden – mit Spaß und Genuss hätte dies dann sicher nichts mehr zu tun gehabt, doch das sollte schließlich im Vordergrund stehen. Naja, natürlich interessierte es mich auch, inwiefern ich mit meiner Minimalvorbereitung – zu welcher ja immerhin auch der Transalpine-Run gehörte – konkurrenzfähig sein könnte.

Nach meiner Ankunft im Playitas-Resort auf Fuerteventura blieb mir genau eine Woche zur Gewöhnung an das heiße trockene Klima und zur Streckenbesichtigung. Mit letzterer begann ich gleich am ersten Tag und lief die letzten 18 km, welche vom Profil eindeutig die leichtesten sind, ab. Tiefe Schotterpfade, eine endlos lange Gerade, ein schwer zu laufendes Flussbett und fast 30 Grad im Schatten, den es hier nicht gibt, nagten gleich mal an meinem Ego. Den Mittelteil besichtigte ich zwei Tage später. Traumhafte Trails führten mich in eine bizzarre und genauso pittoreske Wüsten- und Berglandschaft. Der Statistiker in mir sah sich aber in Bezug auf die erreichte Pace von 7:30 min/km auf 17 km etwas enttäuscht! Das erste Drittel des Marathons, der von Ajuy, einem netten Fischerdorf an der etwas stürmischeren Westküste Furteventuras, in die bergige Inselmitte führt, schaute ich mir lediglich im Rahmen eines Ausflugs vom Auto aus an. Wir sind ja schließlich zum Urlaub machen hier 😉

 

Leider hinkt der Coast2Coast, was die Teilnehmerzahlen angeht, seinen Brüdern auf den restlichen kanarischen Inseln deutlich hinterher. Doch das soll sich schon bald ändern. Die 90-km-Strecke wird in den Trail-Cup der Inselgruppe aufgenommen, die 10- bzw. 20-km des Wettbewerbs führen über 100% genialer Trails zwischen dem Urlaubs- und Trainingsresort und der nächsten Stadt Grand Tarajal und auch die Qualität der Teilnehmer kann sich sehen lassen. Das Who-is-who der kanarischen Trailrunning- und Runningszene steht am Start. Als i-Tüpfelchen hat der Veranstalter den Sprecher des Transvulcania (u.a.), Albino dos Santos Coelho, einfliegen lassen, der vom Start der 90 km, morgens um 6 Uhr, bis tief in die Nacht die Veranstaltung fachkundig moderierte.


 

Mit spanischer Pünktlichkeit setzte sich der Bus, der uns Teilnehmer des Trailmarathons in den Startort Ajuy bringen sollte, kurz nach 7 Uhr vor dem Playitas-Resort in Bewegung. Gut 20 Minuten später standen wir schon unter dem Startbogen im weichen Licht der aufgehenden Sonne. Das war es aber dann auch schon mit der Romantik, auch wenn wir 6 km nach dem Start durch ein nicht minder romantisches Tal, einer Palmenoase liefen – it’s racetime!!!

Das Rennen

Den ersten Kilometer lief ich noch gemeinsam mit Jachinso Hernandez Barrera, doch sein leichtfüßiger Laufstil auf dem Vorfuß durch den weichen Schotter, sagte mir, dass er eine Hausnummer zu hoch sei. Ich ließ ihn ziehen und befand mich bereits ab diesem Zeitpunkt in einem einsamen Rennen. Als ich nach exakt 10 km am ersten Bergkamm ankam, war Jachinso bereits wortwörtlich über alle Berge. Ein technisch verhältnismäßig problemloser Downhill brachte mich in den Ort Toto. Rein gefühlsmäßig erkannte ich im Downhill meine Schwachpunkte und blickte mich mehrmals um, ob ich von hinten bereits eingeholt werde. Nach der Ortschaft führte eine Schotterpiste bereits zum nächsten up-hill-Trail. Weder vor mir noch hinter mir konnte ich andere Athleten ausmachen. Soweit es ging genoss ich die Landschaft, kämpfte aber deutlich mehr mit dem in Strömen fließenden Schweiß und der Streckenmarkierung. Nach weiteren 400 Höhenmetern kam der nächste Downhill, etwas mutiger versuchte ich nun den schmalen Pfad mit den vielen engen Kehren etwas flotter zu bewältigen. Schnelle Verpflegung am Ortsrand von Vega de Rio Palma und dann kam der längste Aufstieg. Entgegen meiner Besichtigung ging es diesmal nicht auf dem Pfad, sondern offtrail kerzengerade und verdammt steil bis zum Kamm des Berges. Dort stieß die Strecke auf einen gemächlich steigenden Wanderweg, der zum Gipfel führte. Gerade als ich mit dem Gedanken spielte, mein Handy aus dem Rucksack zu holen um ein paar Impressionen per Foto festzuhalten,  sah ich Jachinso vor mir. Ich stoppte die Zeit bis ich an der Stelle war, an welcher ich ihn zuvor sah. Knappe 5 Minuten. Er muss langsamer geworden sein. Am Gipfel angekommen eröffnete sich mir ein grandioser Blick ins Tal – und zu dem unter mir, in einiger Entfernung laufenden Führenden. Nach 4 Minuten war ich an der selben Stelle. Ein Downhill wie er mir Spaß machte! Ich wusste, dass noch zwei knackige aber relativ kurze Steigungen mit jeweils ca. 100 Höhenmeter vor mir liegen. Auf beiden konnte ich Jachinso sehen und vor allem feststellen, dass ich ihm näher komme. 2 Minuten hatte er nur noch Vorsprung, als wir die Stadt Tuineje passierten. Nun begann die zwar flachste Passage bis zum Ziel, doch meine Beine waren schon brutal schwer. Noch 15 km. Die lange Gerade. Der starke Gegenwind. Der enorme Flüssigkeitsverlust. Und dann wartete da auf den letzten 6 km ja noch der Offtrail-Teil durch die Steinwüste wo es ständig leicht auf und ab geht. Ich musste mich jetzt konzentieren und die letzten Kräfte mobilisieren. Gedanken schossen mir durch den Kopf, warum ich mich zu diesem Tempo habe hinreißen lassen. Muss ich es jetzt büsen? Jachinso sah ich nicht mehr. Einfach nur noch durchkommen! Zwar konnte ich immer wieder auf flachen Stücken unter 4 min/km laufen, aber jeder kleine Hügel und vor allem der Wind war eine Qual. Die Füße kochten und der Kopf war heiß wie eine Herdplatte. Fünf Kilometer vor dem Ziel erkannte ich nach einer steilen Kurve einen Läufer hinter mir. Wie konnte der so schnell aufhohlen??? Ich blickte mich um und erkannte Jachinso in seinem auffälligen grünen Dress. Offensichtlich hatte er sich verlaufen. Damit ihm dieses Missgeschick nicht wieder passiert, lief er von nun an hinter mir her. In diesem Bereich führte die Strecke Weg- und Pfadlos durch die hügelige Steinlandschaft. Ich kannte den gpx-Track und lief einfach grob in die Richtung, wie ihn vor einer Woche auch gelaufen bin. Erst als wir wieder auf einen Weg kamen, setzte sich Jachinso wieder ein bisschen von mir ab. Er hatte aber nach wie vor große Probleme, die durch kurze Plstikbänder markierte Strecke zu finden. Ich rief ihm ständig die Richtung zu. Nur noch 200 Meter vorm Ziel war er ein weiteres Mal dabei, die falsche Richtung einzuschlagen, noch dazu wäre er von einem Streckenposten auf die zweite Runde der 20-km-Strecke geschickt worden. Wieder gab ich ihm die Richtung vor und erreichte mit ihm gemeinsam den Zielkanal auf der Plaza Rambla des Playitas-Resorts. Der Sieg gehörte dem Spanier! Niemals hätte ich damit gerechnet, in dieser Zeit und an der Spitze des Feldes diesen Wettkampf zu beenden. Nur noch gehend genoss ich den Zieleinlauf und mein Comeback im Wettkampf und überschritt 12 Sekunden nach dem Sieger die Ziellinie. Nicht weniger überrascht war Albino der Sprecher. Der Veranstalter erwartete eine Siegerzeit von 4 Stunden, doch wir waren 20 Minuten schneller von der West- zur Ostküste gelaufen. Zur erwarteten Zeit, nach 4 Stunden kam der Dritte ins Ziel – immerhin kein geringerer als der Sieger der Marathondistanz beim Transvulcania, Garcia Rodriguez!

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

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