Deutscher Meister über 100 km Straßenlauf

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Carsten Stegner Deutscher Meister

Zieleinlauf nach 100 km als Deutscher Meister

100-km-Debüt mit glanzvollem Ausgang

 Debüt

Auszug aus dem Duden:

„erstes [öffentliches] Auftreten eines Künstlers, Sportlers o. Ä.“

Mein Debüt über 100 km feierte ich am Samstag, den 11. April, anlässlich der 28. Deutschen Meisterschaften im 100 km Straßenlauf im badischen St. Leon-Rot.

Zunächst konnte von „feiern“ aber nicht die Rede sein. Selten war ich schon so lange vorm Wettkampf so nervös wie in dieser Aprilwoche. Warum eigentlich? Ich hatte nichts zu verlieren, alleine wenn ich die 100 km durchlaufe hätte ich eine persönliche Bestzeit und von den zehn „Treppchen-Aspiranten“ war ich – so sah ich das zumindest selbst – eher der Außenseiter.

Ein Ziel hatte ich – neben der Absolvierung der kompletten Distanz – dennoch: eine Zielzeit unter 7:15 Std. „Das sollte doch nicht so schwer sein, wenn man in einer homogenen Gruppe läuft, die richtige Taktik wählt, die Verpflegung passt, keine Verletzungen auftreten und die Kräfte nicht zu früh schwinden.“ …eine Gleichung mit ziemlich vielen Unbekannten!

Selbstverständlich versuchte ich im Vorfeld die Unbekannten so weit wie möglich zu beeinflussen. Bei zwei Wettkämpfen und zwei langen Trainingseinheiten testete ich die Verträglichkeit meiner Wettkampfernährung und war diesbezüglich mit den Produkten von Aktiv³ sehr positiv gestimmt. Damit mir die Kräfte möglichst lange erhalten bleiben, habe ich zum ersten Mal (einigermaßen) regelmäßig ein Kraft- und Stabilitätsprogramm durchgeführt und in die Vorbereitung, welche leider durch eine Krankheit unterbrochen war, drei sehr intensive Trainingswochen (inkl. Trainingscamp) eingebaut. Ok, die Idee, 100 km laufen zu wollen, kam erst im Januar – eigentlich viel zu spät für eine gezielte Vorbereitung, aber ich begann ja nicht bei „Null“.

Die im Trainingscamp geschundenen Muskeln ließ ich bestens im Physiotherapiezentrum „RehaBillitaris“ behandeln. (O-Ton: „Oh je, bei den verhärteten Muskeln und verklebten Faszien, würde ich dir eine kleine Sportauszeit empfehlen. Hast du demnächst was Größeres geplant?“ „Naja, in knapp zwei Wochen die Deutsche Meisterschaft über 100 km…“)

Die richtige Taktik hoffte ich in Absprache mit meinem ASICS-Frontrunner-Kollegen Moritz Auf Der Heide gefunden haben. Hier zeigte sich mal wieder, dass dieses Netzwerk über die Vereinsgrenzen hinaus besser funktioniert als in manchen Vereinen! Wir wollten eher sehr gemütlich angehen, sogar etwas langsamer als die geplante Durchschnittspace von 4:20 min/km und uns sukzessive bis km 60 steigern. „Dann sei eh jeder auf sich gestellt…“, hört man oft. Von dieser Taktik wollten wir nur Abstand nehmen, wenn eine größere Gruppe minimal schneller vor uns läuft.

 

Natürlich reiste ich bereits am Freitag an. Ausführliche Gespräche mit dem „Ultra-Urgestein“ Robert Wimmer (ich hoffe, mit dieser Aussage mache ich dich nicht älter als du bist), nahmen mir ein wenig die Nervosität. Die anschließende Streckenbesichtigung bei über 20° Celsius, begeisterte mich zwar was die Streckenführung anging, ließ mich aber bezüglich der Temperaturen schaudern. Die Strecke führte am Ortsrand von Rot an, bzw. durch einen Golfplatz und beschrieb auf ihren 5 km eine „8“. So ließ sich die Strecke optimal in einzelne Segmente aufteilen. Was die Temperaturen anging, so hatte der Wettergott am Wettkampftag zwar Einsicht mit uns Athleten, aber mit der „Luftkühlung“ meinte er es etwas zu gut – doch dazu später.

Stadion St. Leon-Rot

Im Stadion, noch früh am Morgen

Am Samstag traf ich um 5 Uhr in der neuen Sporthalle, direkt neben dem Stadion und dem Start-Ziel-Bereich ein. Hier wurde von den Damen den ausrichtenden Vereins, TSV 05 Rot, ein tolles Frühstück angeboten. Allgemein war der Verein bei seiner ersten Austragung einer Deutschen Meisterschaft „meisterschaftlich engagiert“. Die sehr freundliche, liebevolle und sorgfältige Einstellung zeigte jeder einzelne Helfer!

Frühstück des TSV 05 Rot

Frühstück des TSV 05 Rot

Die Aufregung die am Vorabend langsam schwand, war nun präsenter denn je. Aber das passt, so muss es ja schließlich sein. So langsam trudelten die Athleten ein und die ersten „Konkurrenten“ wurden erspäht. Doch was rede ich von Konkurrenten. Für mindestens 50 Prozent des Rennens mussten wir alle zusammenhalten – mit Konkurrenzdenken hat hier niemand eine Chance! Die freundlichen Gespräche untereinander wurden nicht nur hier, sondern auch an der Startlinie und sogar nach dem Startschuss, welcher pünktlich um sieben Uhr fiel, geführt.

Start der DM über 100 km

Start der DM über 100 km

119 von 132 gemeldeten Ultraläufern machten sich auf den Weg, die Besten unter sich zu ermitteln. Moritz und ich peilten unser geplantes Tempo an und schon schnell stellte sich heraus, dass wir zu elft offensichtlich mit demselben Ziel liebäugeln. Nach 21 Minuten und 42 bis 44 Sekunden durchquerten wir zum ersten Mal die Start-/Ziellinie auf der blauen Tartanbahn des Stadions von St. Leon-Rot.

Führungsgruppe nach 5 km

Führungsgruppe nach 5 km

Doch schon nach den fünf „Einführungskilometern“ machte sich der bis dahin amtierende Deutsche Meister, Adam Zahoran, auf den Weg eine angepeilte Zielzeit um 7 Stunden zu erreichen. Mit ihm zogen auch Florian Böhme und Moritz Kufferath auf und davon. In den nächsten wenigen Runden bildete sich die anfangs genannte homogene Gruppe von fünf Athleten in Persona Michael Sommer, Thomas Klingenberger, Jan-Hendrik Hans, Moritz Auf Der Heide und meiner Wenigkeit. Vorne zogen sich die drei auseinander und jeder „machte sein Ding.“ Durch den Wendepunkt bei km 1,5 und dem Stadionein- und ausgang konnten wir gut beobachten, wie sich die Abstände zu uns vergrößerten. Behielten aber auch im Auge, wie die „Flüchtlinge“ aussahen. Zumindest bei Moritz Kufferath war schon bald eine merkliche Belastung auszumachen. Adam war schon schnell außerhalb des Sichtbereichs und führte nach 25 km mit 2:18 Minuten Vorsprung. Nach 50 km und der Halbzeit des Rennens war der Vorsprung Adams auf über 5:30 Minuten angewachsen. Wir hingegen liefen nach wie vor zu fünft ein traumhaft gleichmäßiges Tempo. Die 5-km-Rundenzeiten lagen bis km 55 zwischen 21:27 und 21:43 Minuten (4:17 – 4:21 min/km). Das war genau der Kurs zur Kadernorm. Kurz vor der Halbzeit kassierten wir den müdegelaufenen Moritz Kufferath und bei 50 km schloss sich Flo Böhme uns an, der wegen Schmerzen im Oberschenkel sein Tempo reduzieren musste.

„Chef im Ring“ und Mentor, sowie absolut fairer Sportsman war Michael Sommer. Bei ihm möchte ich mich auch auf diesem Weg nochmal herzlich bedanken. Mehr als einmal mahnte er uns, insbesondere Thomas Klingenberger und mich, auf unserem ersten 100er, zur Vernunft. Immer wieder forcierten wir unbemerkt und zum Teil im Gespräch vertieft unser Tempo. Es ist aber auch in der Tat schwierig, gleichmäßig in dem eher gemütlichen Tempo zu laufen, wenn vorne „Dampf“ gemacht wird. Doch dass unsere Strategie aufging zeigte sich, da unsere Gruppe ja inzwischen auf „Silber“ lag. In der zwölften Runde löste ich mich dann doch ganz gemächlich aus dem (inzwischen) Sextett. Zwar lief ich hier noch gleichmäßig eine Rundenzeit von 21:37 Minuten, doch der Rest wurde um 15 Sekunden langsamer.

Noch 40 Kilometer lagen vor mir. „Soviel wie die kürzeren der langen Trainingsläufe“, sagte ich mir und forcierte das Tempo. Meine Versorgung war perfekt, dafür sorgte mein extra angereister Kollege Günter Lauterbach, der als Triathlet auf diese Weise einen Abstecher in den Ultramarathon machte.

Perfekte Versorgung in der Verpflegungszone

Perfekte Versorgung in der Verpflegungszone

Bis km 80 beschleunigte ich meine Pace auf unter 4:10 min/km. Bei km 75 hatte sich der Vorsprung von Adam auf 1:49 Minuten reeduziert. Genau in dieser Runde beendete Adam aber sein Rennen. „Du führst!!!! Du bist auf Goldkurs!!!“ rief Günter und einige Zuschauer. Im Stadionoval konnte ich mittlerweile sehen, dass auch andere Athleten unserer ehemaligen Gruppe ihr Rennen beendet hatten. Das war echt schade und rief bei mir ein wenig die Angst hervor, jetzt wo es immerhin noch 20 km sind, überpaced zu haben. Der Wind hatte in den letzten Runden extrem zugenommen und auf manchen Geraden dachte man, man steht. Ich rief mir die Worte von Michael in den Kopf „erst ab 70 km kann man Gas geben“. War ich zu früh mit meinem Ausreisversuch? Werde ich das nun bitter bereuen??? Ab diesem Zeitpunkt spielte sich ein Kopfkino ab – vom Feinsten. Aber von den Schmerzen in den Beinen die nun spätestens kamen, lenkte dieses Kino leider nicht ab. Oh Gott, werde ich jetzt von hinten überrollt? „Du hast über 6 Minuten Vorsprung!“ riefen die vereinzelten Zuschauer vom Streckenrand. „Du schaust locker aus!!!“ Hahaha, wenn ich mich doch auch nur ansatzweise so fühlen würde… Ich bin Führender der Deutschen Meisterschaft!!! Mir tut alles weh! Oh je, mein Knie ist das jetzt die Patella-Sehne, die neulich schon mal schmerzte? Was wenn das jetzt noch schlimmer wird??? Wie langsam darf ich laufen, damit ich noch unter 7:15 ins Ziel komme??? Lohnt sich der Aufwand? Ich kann´s schaffen!! Damit hätte ich nie gerechnet!! Da vorne ist das Stadion. Es sind nur noch 3 Runden. Verdammt es sind noch 15 Kilometer. Wie weit sind 15 Kilometer auf so mancher Hausrunde? Der wievielte Teil von 100 ist eigentlich 15??? Hä??? Fragen, Gedanken, Gefühle – irre was auf den letzten Kilometern passiert. Irre auch, wie schwer 10 Kilometer werden können.

Der Schritt wird schwer und unrund

Der Schritt wird schwer und unrund

Die letzte Runde. Der Stadionsprecher, der schon fast 7 Stunden einen tollen Job macht, heizt die Zuschauer ein. Das scheint gar nicht nötig zu sein. Ich werde förmlich durch den letzten Stadionumlauf getragen. Ich bin so beflügelt, dass ich Günter nicht mal mitteile, was ich noch verzehren möchte. Doch auch die letzten 5 km können noch lang werden. Zum Glück habe ich im letzten Moment doch noch ein Gel aufgenommen. Reicht es wenn ich im 5er Schnitt laufe? Bin ich dann immer noch in der Norm? Ja! Bei km 1 auf der letzten Runde zeigt meine Uhr 6:55:02 Std. Ich habe „endlos lange 20 Minuten für vier versch… Kilometer! Auf geht´s!!! „Nach hinten kann längst nichts mehr passieren“, rufen die Leute. Die werden mich schon nicht verarschen, denke ich mir. „Neunundneunzig“ brülle ich auf der vorletzten Geraden heraus und erschrecke ein paar vor mir laufende Athleten, die mich daraufhin anfeuern. Und dann lauf ich auf das Stadion zu. Unglaublich! Jetzt habe ich es geschafft. Ich biege nach links auf das Blau ab und ich erlebe alles nur in Zeitlupe. Die Zuschauer applaudieren, „hier kommt der neue Deutsche Meister über 100 Kilometer, Carsten Stegner“, hallt es aus dem Lautsprecher. Das bin ich!!!! Ich schreie und kann mein Glück nicht fassen. Noch ein Schritt und „JAAAAAAAA“, ich hab es geschafft!!!!

Carsten Stegner Deutscher Meister

Unglaubliches spielt sich in meinem Kopf ab! In den letzten Zeilen habe ich eh schon viel zu ausführlich darüber berichtet. Auch jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, 50 Stunden vergangen sind und die schlimmsten Schmerzen vergessen sind, kommt die Gänsehaut – und ich hoffe, das wird noch lange so bleiben!

Vielen Dank für die unzählig vielen Glückwünsche die mir zuteilwurden. Ich bin immer noch überrascht wie viele Menschen an diesem Erfolg Anteil nehmen, sich mit mir freuen! Das ist ganz großer Sport, sich auch mit anderen freuen zu können. DANKE!!!

Danke für die Unterstützung! Dieser Dank gilt nahestehenden Menschen, die mit meiner Laune, während der Vorbereitung klar kommen mussten; dieser Dank gilt aber auch den Partnern, die mir die Vorbereitung durch Produktsponsoring, Rat und Tat zur Seite standen. Danke an ASICS, Sziols, Aktiv³, GARMIN und Synergy-Sports.

 

Siegerehrung

Siegerehrung

ASICS Frontrunner mit Gold und Bronze!

ASICS Frontrunner mit Gold und Bronze!

Deutsche Meisterin Pamela Veith - ganz lockerer Zieleinlauf in 8:02 Std!

Deutsche Meisterin Pamela Veith – ganz lockerer Zieleinlauf in 8:02 Std!

Silber und Bronze gehen an Michael Sommer und Moritz Auf Der Heide

Silber und Bronze gehen an Michael Sommer und Moritz Auf Der Heide

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

6 Comments

  1. Auch aus dem Chiemgau ein herzlicher Glückwunsch zum Titel und meinen großen Respekt vor einer solchen Leistung, einfach unglaublich…!!!
    Viele Grüße vom Löcher in den Bauch Frager Indianer

  2. […] der neue Deutsche Meister Carsten Stegner sein Rennen erlebt hat, könnt Ihr hier […]

  3. Hans Jäger sagt:

    Viele Grüße für die super Leistung ein grandioser Lauf. Ich bin mitgelaufen und bin vom TSV 05 Rot. Ich finde den Bericht klasse und autentisch. Ich finde wir haben einen verdienten Deutschen Meister.
    Viele Grüße Hans

  4. Carsten sagt:

    Hallo Hans, vielen Dank für die netten Worte! Ihr habt aber auch eine ganz tolle Veranstaltung geboten!!!

  5. Markus sagt:

    Hi Carsten,

    ein schön geschriebener Artikel, Glückwünsch zum Titel!

    Viele Grüße
    Markus

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