Abenteuer nördlich des Polarkreises

Erster Test mit der GARMIN epix
23. Juni 2015
Coast2Coast Fuerteventura
27. September 2015
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„Tromsø-Skyrace“ – Wettkampfbericht
„Abmarsch“ – Wandererlebnisse in Lappland
„Tierra Arctic Ultra“ – Wettkampfbericht

„Ok, ausgemacht! Hand drauf! Prost!“, mit diesen Worten startete mein bisher größtes (Lauf-)Abenteuer. Es war an einem Novemberabend 2014, nach einem gemütlichen Trailrun auf den Schwarzenberg, als Carsten Schneehage und ich bei einem geselligen Bier auf der Tregler Alm bei Bad Feilnbach beschlossen, 2015 beim Tromsø-Skyrace und Tierra Arctic Ultra teilzunehmen. „Selbstverständlich schlafen wir im Zelt und ich zeige dir beim Wandern diese traumhafte Landschaft“, sagte der Schwedenkenner zu mir. Zunächst hatte ich ja keine Ahnung, auf was ich mich da eingelassen hatte.

Nachdem die begehrten Startplätze gesichert und die Flüge gebucht waren, begann die Suche nach Antworten auf folgende Fragen: „Was will uns der Veranstalter, Kilian Jornet, mit der Aussage ‚10 meters of road – 6km trail – 25km technical trail – 6km off trail – 5km technical ridge (III climbing degree)’ über das Hamperokken Skyrace sagen? Wie schaffe ich es, ca. 15 Stunden beim Tierra Arctic Ultra ununterbrochen zu laufen und wie verpflege ich, da es dort keine Verpflegungsstellen gibt? Kann ich zwei Ultratrails innerhalb von sechs Tagen laufen wenn ich dazwischen wandere und zelte und mir jegliche gewohnte Routine fehlt?“

Schnell war klar, dass ich mich ganz speziell auf mein Skandinavien-Abenteuer vorbereiten müsse und plante, ab Mai überwiegend Trailrunning Training zu absolvieren, sowie auch einige Klettersteige zu gehen. Als nach meinem Sieg der Deutschen Meisterschaft über 100 km feststand, dass ich im September bei der 100-km-Welt- und Europameisterschaft am Start stehen werde, überwarf ich den Plan schon wieder und legte mein Hauptaugenmerk auf die Verbesserung meiner 100-km-Zeit. „Norwegen und Schweden nehme ich als Abenteuer mit, das wird so schon gut gehen“, dachte ich mir.

Als „alter Pauschalurlauber“ fehlte mir natürlich auch jegliche Ausrüstung sowie Erfahrung, was das Zelten anging.

Rolands Alpin Laden

Praxisunterricht bei Rolands Alpin Laden: So errichte ich mein Zelt 🙂

Rolands Alpin Laden

Qual der Wahl beim Rucksackkauf

Bei Rolands Alpin Laden in Bamberg war ich hier aber genau in den richtigen Händen, sowohl was die Beratung als auch die Ausrüstung anging. Also was sollte nun noch schief gehen, als wir zwei Carstens am 31.07. mit jeweils über 25 kg Gepäck ins Flugzeug nach Tromsø stiegen?

Am Flughafen

Solange der Rucksack noch so befördert wird, können wir noch grinsen…

Die größte Stadt Norwegens nördlich des Polarkreises erwartete uns mit 10 °C und Nebel. An diesen Wetterverhältnissen sollte sich bis zum Rennen am Sonntag auch nicht viel ändern – außer dass noch Nieselregen dazu kam. Immerhin „gestattete“ uns Carsten an diesem Wochenende ein Hotelzimmer zu nehmen. 😉

Den „Vertical k“, 1.000 Höhenmeter, welche auf einer möglichst kurzen Horizontaldistanz bewältigt werden, haben wir leider durch unsere späte Ankunft verpasst. Hier wären wir ohnehin nur Zuschauer gewesen, wenn die weltbesten Trailrunner bei dieser „Skyrunning  Vertical Km World Series“ ihren Sieger am Gipfel des Blamann suchen.

Vertical k

Vertical k am Blamann
Foto: Veranstalter

Am Samstag besuchten wir im Nebel den Startbereich des „Hamperokken und Tromsdalstind-Skyrace“.

Tromso

„Über diese Brücke musst du geh´n“

Dies verbanden wir mit einem kleinen Lockerungslauf, der uns über die 1 km lange und 38 m hohe Tromsøbrua-Brücke und dann 400 Höhenmeter zur Bergstation „Floya“ brachte. Auch wenn der Nebel einen Großteil der Landschaft verbarg, so war das was wir sehen konnten schon traumhaft schön.

Floya Tromso

Floya, Startbereich, im Nebel

Wie schnell ein Traum zum Albtraum werden kann, wurde uns – vor allem mir – dann am Abend beim Briefing klar. Eigentlich waren es keine neuen Bilder die uns hier präsentiert wurden. Dies alles sah ich schon im Internet, aber scheinbar wurde mir erst jetzt bewusst, auf was ich mich hier eingelassen habe.

Briefing Hamperokken Skyrace

Die Strecke in Bildern beim Briefing

Ein „Lauf“ über den Grat bis zum Gipfel des Hamperokken, von dort wieder herunter und über unheimliche steile Schneefelder, auf welchen es tödlich sein kann den Halt zu verlieren, in ein Geröllfeld mit großen, lockeren Blocksteinen, extreme Steigungen und Gefälle sowie einige Bachdurchquerungen – das ist kurz zusammengefasst das Hamperokken Skyrace mit seinen 45 km und je 4.400 m im Auf- und Abstieg! Bei einem Henkersmahl in der Pizzeria versuchten wir gemeinsam mit Christian Alles und Florian Reichert diese Informationen zu verdauen.

Pizzeria Inferno

In der Pizzeria „Inferno“ -wie passend…

 

 

Hamperokken Skyrace

 

Warm-up

Aufstieg und warm-up zum Start

Bei Nieselregen nahmen wir dann am Wettkampfmorgen den Aufstieg nach Floya erneut; ein tolles Warm-up! Um 10 Uhr starteten schließlich die Skyrunner zu diesem wohl schwersten und gefährlichsten Rennen der Serie. Im ersten Aufstieg zum Tromsdalstind stieß ich auf den Österreicher Peter Fankhauser.

Abstieg im Schneefeld

Mit Peter Fankhauser im Abstieg vom Tromsdalstind

Gemeinsam nahmen wir den ersten heftigen Downhill und unterhielten uns sehr nett. Wir beschlossen, das Rennen gemeinsam zu Ende zu bringen, uns weder „abzuschießen“, noch irgendetwas zu riskieren. Als „flotte Wandergemeinschaft“ machten wir uns schließlich auch an den Aufstieg zum Hamperokken. Als der Aufstieg langsam immer schmaler wurde und sich schon langsam ein Grat bemerkbar machte, merkten wir, dass das was nun vor uns liegt definitiv nicht unser Terrain ist. Kurz darauf war schon die erste Schlüsselstelle zu überwinden. Während Peter auf allen Vieren über diesen schmalen Buckel direkt am Grat entlangkroch, stieg ich ein paar Meter ab und „hangelte“ mich an der Wand entlang um schließlich wieder zu Peter aufzusteigen. Scheinbar fehlte mir mittlerweile die Spannung, das Wettkampfadrenalin war verschwunden und so langsam kam zu dem Respekt vor der Strecke eine gehörige Portion Angst. Die Felsen waren feucht und glitschig und die Wettkämpfer die uns überholten schienen, aus für mich unerklärlichen Gründen, wie Eidechsen am Fels zu kleben. Unter keinen Umständen wollte ich auch nur mehr als eine Extremität vom Fels nehmen. Auf allen Vieren und oft noch unter Zuhilfenahme des Allerwertesten bewegten Peter und ich uns weiter in Richtung Gipfel. Bald schon war Carsten bei uns und wir ließen ihn passieren. An einer weiteren Schlüsselstelle, an welcher ein windiges Fixseil angebracht war, wartete er wieder und motivierte mich schon zum ersten Mal, nicht die Flügel zu streichen.

Am Grat

Eine von vielen „Schlüsselstellen“ – immerhin mit Fixseil „gesichert“

Wenig später war es aber dann soweit. Der „Gipfelsturm“ stand an. Alle hoch und die selbe Strecke wieder herunter, haarscharf an beiden Seiten des Abgrundes vorbei. Hier wollte mein Kopf nicht mehr. Dem Streckenposten der hier stand machte ich klar, dass das Rennen hier für mich vorbei sei. Carsten und Peter, die mittlerweile in der Mitte des Aufstiegs waren versuchten mich zu überreden nachzukommen, doch etwas in mir streikte.

Hamperokken Gipfel

Carsten ist bereits wieder im Abstieg vom Hamperokken

Sogar als die Beiden wieder herunter kamen, stand ich noch wie angewurzelt und mittlerweile ordentlich fröstelnd an Ort und Stelle. Ich musste mich bewegen und nachdem nun niemand mehr am Aufstieg war, gab ich mir einen Ruck und kletterte nach einer halben Stunde Warten dem Gipfel entgegen. Ein kurzes gequältes „Hallo“ zu den Gipfelposten und wieder hinunter, auf dem Bauch über den letzten Felsen der zugleich kerzengerade nach links und rechts ins vernebelte Nirvana und leicht flacher auf den Pfad abfiel und ich hatte es „geschafft“. Was jetzt kam war der steilste ungesicherte Abstieg über ein Schneefeld und dann über ein Geröllfeld mit losen Steinen den ich je erlebt hatte. Ich hielt kurz an, um mich aus dem Rucksack zu verpflegen, da hatte ich die nächste Schrecksekunde. Circa fünf Meter neben mir donnerte ein Medizinball großer Stein an mir vorbei. Offensichtlich wurde dieser noch über dem Schneefeld losgetreten und nahm dort richtig Geschwindigkeit auf. Wo er aufkam, spreiselten kleine Steine weg, welche mich sogar trafen. Den Einschlag des großen Geschosses hätte ich sicher nicht mehr gespürt…

 

Es dauerte noch ewig bis man wieder einigermaßen laufbaren Untergrund unter den Füßen hatte. Irgendwie wollte ich nur noch die Runde beenden und nachdem ich mich von dem Schock erholte, so gut wie möglich die Landschaft genießen. Nach einem Downhill durch einen ungewöhnlich aussehenden Birkenwald gelangte ich wieder an die Verpflegungsstation, welche zugleich die Pendelstrecke zum Aufstieg auf den Tromsdalstind einläutete. Hier entwickelte ich wieder ein wenig mehr Wettkampffieber und brachte meinen Herzschlag wieder etwas in Schwung – bzw. an den Anschlag. Bald lief ich wieder auf Carsten auf, der mittlerweile auch in Motivationsproblemen steckte. Ein Stück liefen wir gemeinsam, machten noch ein paar Photoshoots von den Bachdurchquerungen und dann sagte er zu mir, ich solle doch endlich etwas Gas geben. 😉

Bachdurchquerung

Trockenen Fußes beendet hier niemand das Rennen

Mit den Stöcken zur Hilfe machte der 1.200 Meter Aufstieg sogar über die Schneefelder einigermaßen Spaß, ganz im Gegenteil der anschließende Abstieg. Wieder diese ewigen Steine. Athleten die ich gerade noch relativ mühelos überholte, donnerten nun ebenso mühelos wieder an mir vorbei. Erst als es wieder laufbar wurde, sicherte ich mir wieder ein paar verlorene Plätze, worauf es eigentlich schon längst nicht mehr ankam. Aber es war eine Freude endlich wieder richtig laufen zu können. Nach unglaublich langen 9 ¼ Stunden über 45 km traf ich schließlich wieder auf Floya ein. Ich war froh, den Gipfel doch mitgenommen zu haben und nicht als „DNF“ zu enden, noch glücklicher war ich aber das Ganze unbeschadet überstanden zu haben. Schön, beim Tromsø Skyrace dabei gewesen zu sein, aber nochmal – zumindest so unvorbereitet – brauche ich das nicht. Nichtsdestotrotz, ein toll organisiertes Rennen in welches Kilian und Emelie erkennbar viel Herzblut gesteckt haben! Glückwunsch an die „Verrückten“ die dieses Rennen so unfassbar schnell finishen können!

Hier das offizielle Video des Hamperokken-Skyrace

Tromsø SkyRace 2015 from TromsoSkyrace on Vimeo.

 

Bei der Rückkehr zum Hotel beschlossen Carsten und ich schließlich aufgrund der bevorstehenden großen Waschaktion und des weiterhin schlechten Wetters unser komfortables Zimmer eine Nacht länger zu behalten. Das war eine hervorragende Idee, denn so konnten wir noch einige wichtige Sachen in Tromsø erledigen. Zum Beispiel ein geselliges Burgeressen mit Christian Alles und Peter Fankhauser nebst Freundinnen sowie Florian Reichert. Selbstverständlich durfte die Besichtigung mit anschließender Bierprobe der „Mack-Brauerei“ nicht fehlen und ein paar lockere Laufkilometer auf dem Hügel von Tromsøya, der Insel auf welcher Tromsø liegt.

Joggingtour

Joggingtour

Brauerei Mack

Brauereibesichtigung

Bierprobe

Bierprobe bei der Brauerei Mack

 

Abmarsch

Am Dienstag um 6 Uhr ging es dann mit schwerem Rucksack per Bus nach Narvik. Unterwegs riss das Wetter schon ein wenig auf und trotz brutaler Müdigkeit konnte ich meinen Blick kaum von dieser unglaublichen Landschaft lassen. Sattes Grün, Berge, riesige Wasserfälle, Seen, Flüsse und eine unberührte Natur, so schaukelten wir 4 ½ Stunden 350 km nördlich des Polarkreises in die nächst größere Stadt. Narvik liegt am Meer, welches mir zunächst wie ein riesiger Gebirgssee vorkam.

See oder Meer???

See oder Meer???

Dort stiegen wir um, in den Zug in Richtung Katterjåkk. Carsten sagte mir, dass wir nun in seine absolute Lieblingsgegend kommen. Ich fragte mich, was denn noch schöner sein soll, als das, was ich die letzten Stunden sah? Bald wusste ich es! Sanfte Hügel, felsige Berge, kleine Siedlungen mit roten Holzhäusern und überall rauscht das Wasser. IMG_1740IMG_1753Mit Worten lässt sich die Schönheit der Natur nur schwer erfassen. Als wir in Katterjåkk aussteigen, empfängt uns die Sonne und strahlend blauer Himmel. Sofort stehen wir in kurzen Klamotten da und haben nun das Problem unsere immens schweren Rucksäcke so zu packen, dass sie einigermaßen über die bevorstehende Wanderung zum Trollsjön, Schwedens klarsten See, transportiert werden können. Zuvor muss aber auch noch Proviant fürs Frühstück mit. Also erst ein paar Höhenmeter nach unten zum Supermarkt und dann kann eine der schönsten Wanderungen meines Lebens beginnen.

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Einzig die „Kampfmücken“ welche selbst durch die Kleidung stechen sind etwas lästig. Doch „sobald wir weiter oben im steinigen Gebiet sind, sind wir die Fliegen los“, tröstete mich Carsten. Weiter oben – das dauerte ewig und war mit dem Rucksacke eine verdammt harte Arbeit. Eine Vorbereitung, wie man sie sich ca. 60 Stunden vor einem 120 km Lauf vorstellt! Doch dies war in Anbetracht der Landschaft völlig unbedeutend. Nach einigen Bachdurchquerungen und einem laktatfördernden Schlussanstieg erreichten wir unser Ziel den Trollsjön. Man könnte schreien vor Glück! Nach der Begutachtung der näheren Umgebung schlugen wir unsere Zelte in unmittelbarer Nähe zum See und direkt an der Route des „Sweden Skyrace“ auf. Dieses sollte am kommenden Samstag stattfinden und Wegmarkierungen waren schon gesetzt. Unsere Aufgabe für den kommenden Tag war also schon klar 😉

Beste Wohngegend!

Beste Wohngegend!

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IMG_1820Meine erste Trekkingmahlzeit, ein oder zwei Gläschen Rotwein und der Sonnenuntergang um 22:45 Uhr beendeten diesen traumhaften Tag. Dunkel wurde es deswegen trotzdem nicht und schon mit Sonnenaufgang, 4 Stunden später, konnte ich zuschauen wie der aufkommende Wind wieder die gewohnten Wolken brachte.

 

Noch am Vormittag machten wir uns auf den Weg ein paar der insgesamt 6.000 Höhenmeter des „Sweden Skyrace“ unter die Trailschuhe zu nehmen und liefen zum nächsten Peak. Nicht nur das besagte Rennen, sondern auch noch der wenig später stattfindende „Björkliden Arctic Mountain Marathon“ führen hier vorbei. Ein Traum für jeden, der sich im Urlaub mal so richtig austoben möchte!!!

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Das schwerste, so scheint es, steht uns wieder mit dem Packen bevor – dieser Meinung war ich zumindest vor dem anschließenden Fußmarsch über Låktatjåkka nach Vassijaure. …noch 36 Stunden bis zum Start…

warten auf den Bus

warten auf den Bus

Im Regen warteten wir auf den Bus der uns ins 125 km entfernte Kiruna brachte (ganz schön lang so eine Strecke). Auf der Fahrt durfte ich schon mal einen Blick auf den Zieleinlauf in Abisko werfen. In Kiruna angekommen standen die nächsten Höhenmeter beim Marsch zum Campingplatz an. Auf halben Weg „mussten“ wir dann jedoch ein Rast einlegen. Vom Pub heraus riefen uns Sandra Mastropietro und Andrea Löw, die beiden „ASICS-Frontrunner-Mädels“, die ebenfalls beim TAU starteten.

Einkehrschwung

Einkehrschwung

Etwas im Magen und ein Begrüßungsbierchen kam uns gerade recht, also nichts wie rein! Die Runde wurde komplettiert von einem alten Bekannten von mir, der überraschender Weise am Fjäll Räven Classics, der traditionellen Wanderung auf dem Kungsleden mitmachte. Dessen Kumpel, zwei lustige Schweden und wir feierten dann schließlich noch bis ein Uhr nachts, dann machten wir uns an den Zeltaufbau. …noch 29 Stunden bis zum Start…

Spontanparty

Spontanparty

Der Donnerstag war dann ein richtiger Ruhetag. Einchecken, Startnummern abholen ein wenig auf der Expo schauen und einen richtig fetten 300 Gramm-Burger essen. So sieht Wettkampfvorbereitung aus!

Startnummer und Streckenkarte

Startnummer und Streckenkarte

Expo des Fäll Räven Classic und Tierra Arctic Ultra

Expo des Fäll Räven Classic und Tierra Arctic Ultra

 

Tierra Arctic Ultra

 

Um zwei Uhr hätte der Wecker geklingelt, wäre ich nicht ohnehin schon wach gewesen. Jetzt musste alles klappen. Die Wettkampfklamotten lagen schon neben mir im Zelt, der Rucksack war soweit gepackt, das Zelt musste noch abgebaut, der Schlafsack und die Isomatte verstaut werden. Zum Frühstück gab es einen Instantkaffee und mangels Alternativen eine Semmel mit Schokolade. Dann holten uns um vier Uhr die Busse ab und brachten uns ins Nichts. Mitten rein in die lappische Landschaft nach Nikkaluokta. Hier stehen wie in einer Filmkulisse drei rote Holzhäuser, weniger romantisch, drei „Dixi-Toiletten“ und ein großes Startbanner am Eingang zum Kungsleden, der von hier aus auch auf den Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens führt.

Startbereich

Startbereich

Die Taschenabgabe für den Transport nach Abisko verläuft reibungslos, dann muss noch das „Safety-Tag“ eine leuchtend orangene Fahne am Laufrucksack befestigt werden und mit dem Laufchip eingecheckt werden. Mit knapp 8 kg schwerem Laufrucksack stehe ich nun im Startbereich und bin gespannt was da auf mich zukommt. Neben einer umfangreichen Pflichtausrüstung mit Regen- und Windjacken und -hosen, Fleece, Mütze, Handschuhe, langer Tight, Erste-Hilfe-Set, der Streckenkarte und Kompass muss auch die komplette Verpflegung mitgeführt werden.

Wettkampfverpflegung

Wettkampfverpflegung

Unterwegs darf an den ohnehin nur selten vorhandenen Hütten nicht verpflegt werden. 10.000 kcal werde ich sicher verbrennen. Diese aufzunehmen ist eigentlich nicht möglich. Wasser ist auf der Strecke genügend vorhanden. Nahezu jedes fließende Gewässer verfügt über bestes Trinkwasser. Dennoch führe ich von Beginn 1,5 l Aktiv3-Isoton mit. Besonders ins Gewicht fallen außerdem die 15 Gels (Liquid Energie) und BCAA-Tuben (Turbo Regeneration), als „feste Nahrung“ sind Reisriegel dabei und außerdem habe ich drei Tüten „Wild-Chips“ mit auf die Tour genommen – getrocknetes, salziges Ren- und Elchfleisch J

 

Um 6 Uhr erfolgte der Start der 100 und 120 km. Für beide Strecken war das Zeitlimit auf 24 Stunden beschränkt. Einige Stunden nach den Läufern starten die Wanderer der legendären Veranstaltung „Fjäll Räven Classics“, diese benötigen für die 100 km meist fünf bis sieben Tage.

Gleich zu Beginn waren Carsten und ich in der 5köpfigen Spitzengruppe, welche von einem 100-km-Läufer angeführt wurde. Die restlichen vier gingen über die lange, sprich 120 km Strecke. Dass ich die 20 „Zusatzkilometer in Angriff nahm, stand außer Frage, denn so konnte ich noch mehr von dieser unglaublichen Landschaft erleben. Hier ging es über 600 Höhenmeter zum Tarfala hoch, einen Talkessel in welchem drei Gletscher enden und noch zwei weitere Male zweigte man vom eigentlichen Kungsleden ab und sammelte Höhenmeter und neue Eindrücke.

Tarfala

Tarfala

Tarfala

Tarfala

Direkt nach dem Start folgten wir noch einem einigermaßen gut laufbaren Weg. Doch schon nach kurzer Zeit wurde auch dieser sehr steinig, sodass man sich sehr auf seine einzelnen Laufschritte konzentrieren musste. Nachdem der bis dahin vor mir laufende Führende schon bis km 16 zweimal hinfiel übernahm ich die Führung um so nicht abgelenkt zu werden. Kurz darauf trennten sich die beiden Strecken und ich war ohnehin auf mich alleine gestellt. Die Strecke ist für den Wettkampf nicht markiert, sondern die Teilnehmer bekamen eine Karte, in welcher die Strecke eingezeichnet war. In der Natur fanden sich dagegen oft nur Trittspuren oder spärliche Markierungen des Kungsleden im Ödland, von einem Weg war hin und wieder keine Spur. Problematisch konnte es werden, wenn man dem gut gekennzeichneten Winterwanderweg folgte; im Winter liegen die Durchschnittstemperaturen bei minus 10 bis minus 17 Grad Celsius, im Sommer gelangt man hier in unüberbrückbare Sumpf- und Wasserlandschaften, die einen großen Umweg bedeuten.

Mit dem GARMIN epix hatte ich die Strecke im Griff

Mit dem GARMIN epix hatte ich die Strecke im Griff

Ich hatte hier bereits vorgesorgt und habe die Route als gpx-Datei auf meine GARMIN epix geladen. So konnte ich ganz leicht dem Track auf dem Display, welcher auf einer topografischen Karte dargestellt wurde, folgen.

 

Während es beim Start noch leicht nieselte, zeigte sich das Wetter bald mit ca. 15 Grad Celsius und blauem Himmel von seiner besten Seite. Dies sorgte in dieser Landschaft zu erheblichen Wasserverlust, den ich leider erst viel zu spät ausglich und schon bei km 50 leichte Krämpfe verspürte. 120 km durch absolut menschenleere Natur forderten ein besonderes Maß an Selbstdisziplin und man muss sich immer wieder neu motivieren. Gedanken, wie, dass es keinerlei andere Möglichkeit gibt in die Zivilisation zu kommen, als das Rennen zu Ende zu laufen oder was passiert, wenn man plötzlich „völlig leer“ ist, darf man nicht zulassen. Der schwer zu laufende Untergrund erforderte ohnehin ein Höchstmaß an Disziplin. Hin und wieder, wenn Holzbohlen über einige Meter auf moorähnlichen Untergrund ausgelegt waren, konnte ein normaler Schritt und etwas Geschwindigkeit auf den wackeligen Brettern aufgenommen werden.

Kungsleden

Die Autobahn des Kungsleden

Diese „flotten Meter“ waren somit eine schöne Abwechslung. Doch auch immer wieder mussten Bäche oder gar Flüsse durchquert werden. Ab km 20 liefen wir schon mit nassen Füßen. Ich motivierte mich ständig mit dieser grandiosen Landschaft, die ich durchlaufen durfte und dass ich nach wie vor auf Platz 1 des Rennens lief. Völlig in Gedanken verloren, folgte ich einen Weg der mich an einem reißenden Gebirgsbach in ein Hochtal führte. Ich sah auf meine epix und stellte fest, dass der richtige Weg einige 100 Meter weiter südlich, jenseits des Flusses entlangging. „Ganz ruhig bleiben“, befahl ich mir, suchte eine Stelle, wo das Wasser nicht so schnell floss, dafür war es hier hüfttief. Also durch und weiter. „Gewonnen und verloren wird zwischen den Ohren“, sagte mir eine Bekannte vor meinem Gewinn der Deutschen Meisterschaft und dieses Motto bewahrheitet sich beim Ultralauf, schlechte Gedanken und „hätte, wäre, wenn“, darf man hier nicht zulassen!

Kungsleden

Laufweg?

Kungsleden

Welcher Weg?

Unendlich scheinen die Weiten, wenn man mal wieder ein Tal vor sich hat. Doch auch hier stecke ich mir immer wieder kurze Zwischenziele, die es zu erreichen gibt und so beiße ich mich trotz immer schwerer werdender Beine durch. Die Wanderer grüßen freundlich, das Auflaufen auf die vereinzelten 100-km-Läufer motivert. An den vereinzelten Checkpoint halte ich ein Pläuschchen – so einsam ist es gar nicht…

Der Blick zurück zeigt wie weit die Füße schon getragen haben...

Der Blick zurück zeigt wie weit die Füße schon getragen haben…

Knapp vor km 90 ist die nächste Abzweigung. Statt dem Kungsleden zu folgen sind für die Läufer der langen Strecke nochmal 200 Höhenmeter zu absolvieren. An einem Kontrollpunkt ging es offtrail downhill zurück auf den Weg. Entweder man folgte dem Kompass, indem man ihn auf 70° einstellte oder man lief wie ich „frei Schnauze“. Dann kann es aber eben auch sein, dass man plötzlich vor einem „Canyon“ steht und überlegen muss wie man auf die andere Seite kommt… 😉

...und drüber...

…und drüber…

Obwohl die letzten 25 km tendenziell bergab führen, waren diese nochmal besonders hart. Nicht zu wissen wie groß der Vorsprung ist, der wahnsinnig schlecht zu laufende Untergrund, die große Gefahr, sich beim jedem Schritt zu verletzen, da die Muskulatur nach über 10 Stunden Lauf bereits längst völlig erschöpft ist und die Möglichkeit einen falschen Weg einzuschlagen zehren am Nervenkostüm. Doch dies bezeichne ich als meine Stärke, trotz Schmerzen, das Ziel fest vor Augen, ein Quäntchen mehr Kampfgeist aufzubringen als der Gegner.

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Abisko Nationalpark

Abisko Nationalpark

Nach einem letzten Downhill tauchte ich in den Nationalpark Abisko ein und folgte den letzten 10 km dem Fluss zum Endpunkt des Kungsleden an der Touriststation Abisko. Um ca. 20:15 Uhr, nach 14:17 Std überquerte ich dort die Ziellinie als Gesamtsieger der 120 km des Tierra Arctic Ultra; der Zweitplatzierte des 100 km Rennens war nur wenig vor mir.

Zieleinlauf

Der Zieleinlauf aus meiner Sicht

Ich kann mich nicht erinnern jemals solch schmerzende Beine gehabt zu haben. Doch nach einer langen warmen Dusche und einem kurzen Aufenthalt in der Sauna (ja, macht man normalerweise nicht – aber was war die letzten Tage schon normal) fühlte ich mich schon bedeutend besser.

Noch während der ganzen Nacht, die diesmal etwas dunkler war, trudelten Teilnehmer der beiden Strecken ein. Gemeinsam mit Carsten, der als Gesamtdritter das Ziel erreichte, schauten wir uns am Lagerfeuer noch einige Zieleinläufe an, bevor wir landestypisch im Lappenzelt auf Rentierfellen zur Nachtruhe übergingen.

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"Angenehme Nachtruhe

„Angenehme Nachtruhe“

Luxusherberge

Luxusherberge

Bei einem gemütlichen Brunch gab es am nächsten Morgen die Siegerehrung und auch jetzt trudelten noch Läufer ein, die immernoch mit Applaus empfangen wurden. Was für eine grandiose Leistung, sich um die 30 Stunden nahezu ununterbrochen zu bewegen!

Nach knapp 32 Stunden kamen auch „unsere Mädels“, Andrea und Sandra ins Ziel. Sandra hatte sich bereits bei km 30 eine Verletzung am Knie und Knöchel zugezogen und bezwang dennoch den schier endlos wirkenden Kungsleden.

Sandra und Andrea endlich im Ziel

Sandra und Andrea endlich im Ziel

Noch einmal hieß es nun, nach der Rückkehr am Campingplatz in Kiruna, das Zelt aufzubauen. Mit Carsten beendete ich das „Abenteuer Skandinavien“ genau so wie es gut acht Monate vorher begann: bei einem gemütlichen Bier! Auf eine nächste „Expedition“ haben wir noch nicht angestoßen, aber die Ideen sind vorhanden – es bleibt also spannend!

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Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

2 Comments

  1. Petra & Ebi sagt:

    Lieber Carsten, nach deinem sooooooo interessanten und ausführlichen Bericht haben wir noch mehr Respekt vor deiner erbrachten Leistung! Nochmals herzliche Gratulation und wir sind stolz auf dich!!! Aber am meisten sind wir froh, dass du trotz Verletzung wieder heil bei deiner Nicole angekommen bist! Petra & Ebi

  2. Geniales Erlebnis (würde ich nicht schaffen, alpin)
    Geniale Menschen
    Genialer Bericht
    Ich war richtig drin im hohen Norden beim Lesen, wau!!!

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