Deutsche Meisterschaft im 6-Stunden-Lauf

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Die Spitze zu Beginn des Rennens. Foto: DUV

„Bist du wahnsinnig? Sechs Stunden im Kreis um die Wöhrder Wiese?“ Ich machte mir eher weniger Gedanken ob ich einen Drehwurm bekomme, wenn ich sechs Stunden lang die 1522 Meter lange Runde absolviere. Vielmehr beschäftigte mich, dass ich bei Deutschen Meisterschaften antrete – dies auch noch in meiner Heimatstadt – und seit über 5 Monaten keinen einzigen Wettkampf absolviert habe. Nach meiner Trainingsumstellung und einer langen „Regenerationsphase“ hatte ich zudem gerade mal gut 1.100 km in diesem Jahr gesammelt und erst fünf Läufe mit mehr als 40 km absolviert. Die ein oder andere Trainingseinheit zeugte aber schon vom Erfolg der neuen Reizsetzung und somit sah ich mich bestätigt, beim 20. Sri Chinmoy 6-Stunden Lauf in Nürnberg an den Start zu gehen.

Die Wöhrder Wiese, zwischen Wöhrder See und Altstadt gelegen, ist eine Ruhe- und Freizeitoase im Zentrum der 500.000-Einwohner-Stadt. Dass der Wettkampf schließlich am ersten richtigen Frühlingswochenende stattfand irritierte sicher manchen Nürnberger, der auf die Wiese kam um die Sonne zu genießen oder einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Er wurde plötzlich von 250 Laufenthusiasten umzingelt, die, mehr oder weniger, unermüdlich ihre Kreise zogen. Ansonsten verschwand der Ultralauf eher in der Anonymität der Großstadt, die schließlich vom erfolgreichen Mannschaftsport, wie dem legendären Club geprägt ist, welcher zuletzt eine ach so grandiose Serie in der zweiten Liga hingelegt hat. Die Thomas Sabo Icetigers spielen derzeit im Halbfinale um den Titel in der DEL, des Weiteren gibt es Handball, Basketball, Hockey und Football, wo Nürnberger Mannschaften in den obersten Ligen vertreten sind. Gäbe es nicht den Sport-Scheck-Lauf am Jahrestag der Wiedervereinigung, hätte die Stadt gar keine nennenswerte Laufveranstaltung zu bieten. Ohnehin ist Nürnberg scheinbar die einzige Stadt Deutschlands mit mehr als 100.000 Einwohnern, die keinen Marathon veranstaltet. Also ist es auch kaum verwunderlich, dass die Randsportart Ultramarathon mit ihrer von der DUV veranstalteten Deutschen Meisterschaft im 6-Stunden-Lauf nahezu völlig unerwähnt bleibt.

Dennoch hatte die Veranstaltung etwas ganz besonderes zu bieten. Noch nie war ein 6-Stunden-Lauf in Deutschland so gut besetzt. Auch wenn nicht alle Favoriten, die zunächst auf der Startliste standen, schließlich auch am Start standen, war ein spannendes und rekordverdächtiges Rennen sowohl bei den Damen als auch bei den Herren vorprogrammiert. Mit Pamela Veith vom TSV Kusterdingen und Adam Zahoran von der LG Bamberg waren beide Titelverteidiger am Start. Neben ihnen standen Dr. Nele Alder-Baerens (Ultrasportclub Marburg), die jüngst mit ausgezeichneten 50-km-Leistungen für Furore sorgte und Rebecca Walter (LG Nord Berlin Ultrateam) die in ihrer spanischen Heimat immer wieder grandiose Leistungen im Ultralauf absolviert am Start. Bei den Männern war mit Matthias Dippacher (LSG Karlsruhe) der bisherige Streckenrekordler am Start und dahinter noch einige andere, die es bisher auf über 80 km im Stundenlauf brachten. Auch ich wollte die 80-km-Marke deutlich überlaufen und peilte ca. 85 km an.

Die Spitze zu Beginn des Rennens. Foto: DUV

Die Spitze zu Beginn des Rennens. Foto: DUV

Gleich zu Beginn zeigte sich, dass sich keiner der Favoriten auf ein taktisches Rennen einlassen will. „Kilometer statt Titel“ würde ich die mutige Taktik fast bezeichnen, die Matthias von Beginn an wählte. Mit einem Schnitt unter 4 Minuten pro Kilometer zog er davon. Schon bald machte sich Adam, der bis dato gemeinsam mit mir in einer größeren Gruppe lief, auf die Verfolgung und schloss nach einigen Runden auf. Obwohl sich meine Beine sehr gut anfühlten, wollte ich auf keinen Fall das Tempo mitgehen, Denn ich hatte mir den Fahrplan zurechtgelegt, einen 4:12er Schnitt, das wären 6:23 Minuten auf der Runde möglichst gleichmäßig durchzulaufen. An diesem gemessen war ich ohnehin schon zu schnell unterwegs. Nach der ersten „Entsorgungspause“ stellte ich fest, dass sogar Nele noch knapp hinter unserer, mittlerweile etwas dezimierten Gruppe lief. Wahnsinn, welches Tempo sie an den Tag legte. Bereits von Beginn an merkte ich, dass sich zwar die Beine sehr gut anfühlen, mein Bauch jedoch eine ganz andere Sprache spricht. Nach der ersten Verpflegung bewahrheitete sich dann leider die schlimmste Befürchtung. Erst verpflegen, dann ein Gluckern im Magen, danach Bauchkrämpfe und schließlich „Zwangspause“ …das kann ja noch heiter werden in den nächsten vier Stunden. Immerhin konnte ich, sobald der Spuk vorbei war wieder locker eine Pace zwischen 4:05 und 4:10 min/km laufen. Allerdings konnte ich aber auch nicht soviel Energie nachführen wie geplant, was mir logischer Weise am Ende teuer zu stehen kam.

Noch vor Kilometer 50, ich hatte mich inzwischen aus der Gruppe um Bernd Vöhringer und Hannes Christiansen gelöst und war seit geraumer Zeit alleine unterwegs, wurde ich von Matthias und Adam überrundet. Ich fühlte mich immer noch, zumindest was das Tempo anging, richtig frisch und wollte das Tempo mitgehen.

First Class Betreuung :-)

First Class Betreuung 🙂

Mein Betreuer Günter Lauterbach, der mal wieder eine grandiose Arbeit machte, bremste mich aber sofort akustisch ein und forderte, mein eigenes Tempo weiterzulaufen. Damit war mir gut geraten, zudem Matthias selbst schon angab, leicht angeknockt zu sein. Wenig später holte ich die beiden schließlich wieder ein. Gemeinsam mit Adam lief ich seine 50 km voll und eine Runde später vollendete ich selbst den „Fuffi“. Doch schon bald musste ich den nächsten Boxenstopp einlegen. Während Adam davonzog, schloss ich wieder auf Matthias auf und zog an ihm vorbei. Weiterhin gleichmäßig im Tempo um 4:10 min/km riss ich schnell eine große Lücke zu meinen Verfolgern und auch wenn Adam bereits uneinholbar und locker laufend in Führung lag, wurde der Abstand zumindest nicht größer. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis meine letzten Energiereserven aufgebraucht waren.

"50er Fahne"

„50er Fahne“

Die fehlenden lange Läufe taten ihr übriges und nach 5 Stunden rechnete ich zum ersten Mal wie viele Kilometer ich eigentlich noch laufen müsste und überlegte ob es leichter wäre die Kilometer, die Runden oder die Zeit rückwärts zu zählen. Die Anfeuerungsrufe meiner Frau, Mutter und Freunden, das ständige Anpeitschen Günters und die aufmunternden Sätze von Mitläufern, dass ich immer noch so locker und frisch aussehe – auch wenn ich es für einen Witz hielt – motivierten mich weiterhin meine Kreise zu ziehen. Meine mittlerweile dramatisch langsam gewordene Rundenzeit von 7 Minuten ermöglichte es mir immerhin relativ leicht meine zu erwartenden Gesamtrunden zu berechnen. 55 sollten es zumindest noch werden. Drei Runden vorher kam Matthias wieder wie Phoenix aus der Asche und nichts konnte mich dazu bewegen ihn an den Fersen zu bleiben. 55 Runden müssen Erfolg genug sein… Vier Minuten vor der Schlusssirene nahm ich beim Rundendurchlauf das Holz mit meiner Startnummer an mich. Dieses legt man mit Ertönen der Sirene am Boden ab. Nun zählte ich zum ersten Mal in meinem Läuferleben die Sekunden rückwärts und konnte es kaum erwarten, dass die Zeit bald zu Ende ist. Nach 84,348 km war es schließlich der Fall. Die Bronzemedaille bei der Deutschen Meisterschaft, der Titel in der AK40 und ein angesichts der Umstände absolut zufriedenstellendes Resümee, so kann ich die zuvor geschriebenen Zeilen zusammenfassen.

Adam lief ein richtig starkes Rennen und gewann absolut verdient den Titel mit einer Leistung von 87,991 km. Matthias hängte mich am Schluss um 303 Meter ab, auch ihm gilt mein Glückwunsch zu dieser Leistung nach seinem sehr mutigen Beginn. Nele strafte alle Lügen, die glaubten, sie könne ihr anfangs angeschlagenes Tempo niemals durchhalten. Sie lief Deutschen Rekord mit 82,998 km und lief in der Gesamtwertung auf Rang 4! Das Treppchen der Damen vervollständigten Rebecca mit 75,153 km und Sarah Perkin (LG Nord Berlin Ultrateam) mit 73,538 km.

Die Weltjahresbestenliste führen nun die Deutschen Meister an und werden von vier deutschen Männern und sieben deutschen Frauen in den Top Ten vervollständigt. Dies bestätigt die einleitend angesprochene sportliche Qualität dieser DM.

Das "Siegerpodest" Matthias Dippacher (2.), Adam Zahoran (1.), Carsten Stegner (3.)

Das „Siegerpodest“
Matthias Dippacher (2.), Adam Zahoran (1.), Carsten Stegner (3.)

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

5 Comments

  1. Markus sagt:

    Glückwunsch, Carsten!
    Kennst Du schon den Ursprung Deiner Darmprobleme? Wäre ja gut, wenn die in Zukunft nicht mehr aufträten!

    • Carsten sagt:

      Oh ja, das hoffe ich auch. Zumindest besteht eine Theorie und die Hoffnung künftig etwas dagegen tun zu können. Aber sicher werde ich es auch noch medizinisch überprüfen lassen.
      Danke für deine Glückwünsche!

  2. Peter Wagner sagt:

    lieber Carsten,
    Gratulation zum großartigen Wettkampf; es hat Freude gemacht, Dich vorbeifliegen zu sehen.
    Kleiner Hinweis: Mit Saarbrücken/Saarland (180 000 Einwohner) gibt es sogar eine Landeshauptstadt ohne Marathon. Die SPD-Oberbürgermeisterin Charlotte Britz will ausdrücklich keinen. Die Saarländer laufen ihre Marathons deshalb in St. Wendel und Merzig, beide Städte unter 40 000 Einwohner. herzliche Grüße Peter

    • Carsten sagt:

      Vielen Dank Peter!
      Haha, da siehst du, wie lausig ich recherchiert habe… Es ist echt traurig, dass im manchen Städten kaum Rückhalt herrscht. Naja, machen wir das beste draus! Weiterhin viel Spaß beim sporteln!
      Viele Grüße, Carsten

  3. Steve sagt:

    Servus Carsten,

    herzlichen Glückwunsch aus der EZ. Ja, du hast locker und frisch ausgesehen… und zwar jedes mal, wenn du an mir vorbei gezogen bist 😉

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